Kampf gegen Kältetod: Willy flieht ins Heim

Von Jennifer DreherOffenbach - Minus 20 Grad. Der Atem gefriert. Spiegelglatte Straßen. Mit einer Krücke und einem Rucksack trampt Willy durchs eisige Land. Er friert, denn er ist obdachlos.

Drei Tage hat er sich diese Woche im Übernachtungsheim der Diakonie in Offenbach aufgewärmt, geduscht und gestärkt.

"Viele, die ich kannte, sind erfroren", sagt er mit leichtem Berliner Dialekt. "Das liest man ja auch öfter in der Zeitung", fügt der Wohnungslose, der sich "Autobahn-Willy" nennt, hinzu. Warme Kleidung, ein Schlafsack und eine geschützte Stelle für die Nacht seien das einzige, was gegen die Kälte helfe. "Man muss das Gefühl einfach abschalten", rät er. "Wie mit dem Hunger." Er hat schon überall genächtigt: Auf Friedhöfen, in Bahnhöfen, bei Kirchen. Meist abgelegen vom Trubel. Wohnungslose sind ständig unterwegs. Dabei geht ihnen oft das Geld aus.

Das Problem hat "Autobahn-Willy" auch vergangenen Mittwoch gehabt. An der Raststätte Weiskirchen an der A3 wartete er lange vergeblich auf eine Mitfahrgelegenheit. "Da hatte ich grad mal zwei Euro für ´nen Kaffee in der Hosentasche." Draußen schlafen kann der 58-Jährige heute nicht mehr. Dafür ist er zu alt und zu krank.

Seine kälteste Nacht hat er bei minus 20 Grad in Bayern verbracht. Das ist heute unvorstellbar. Seine Jacke ist zu dünn. Die schwarzen Halbschuhe und die dunkle Kordhose bieten keinen Schutz vor eisigen Temperaturen. "So angezogen würde ich die Nacht nicht überleben."

Keine Löcher, keine Flecken: Willys Kleidung ist gepflegt. "Wenn ich von weitem rieche und verwahrlost aussehe, wie manch anderer Obdachlose, nimmt mich niemand mit", erklärt er. Und an einem Ort bleiben, will er nicht. Oft hilft ihm sein Bekanntenkreis. "Ich hab´ überall in Deutschland Freunde, darunter viele Polizisten und Fernfahrer."

Eine Alternative zum Trampen hat er nicht. "Mit meinem Hüftleiden kann ich nicht weit laufen", bedauert er. Auch Fahrradfahren ist nicht mehr möglich: "Mein Arm hält das nicht aus."

Vor 18 Jahren hat er noch lange Strecken zu Fuß zurückgelegt. "Ich bin sogar mal von Frankfurt nach Köln gelaufen", erinnert er sich. Heute kommt er nur mit Hilfe von freundlichen Auto- und Lastwagenfahrern von einem Ort zum anderen. Wenn ihn niemand mitnimmt, schläft er auf einem Stuhl in der Raststätte. "Nur wenn die Bedienung sauber macht", sagt er, "muss ich den Platz wechseln." Aber rausgeschmissen wird der Mann mit der leisen Stimme nicht. "Man kennt mich."

Mittwochabend hat er Glück gehabt. Einige Stunden hängt er an der Raststätte Weiskirchen fest. Dann nimmt ihn ein Autofahrer mit nach Offenbach. Dort hat er gleich das Wohn- und Übernachtungsheim der Diakonie angesteuert. Zu diesem Zeitpunkt sind nur neun von 13 Betten belegt. Sozialarbeiter Rolf-Harald Burghardt sagt: "Wir weisen niemanden ab." Mit einem übermäßigen Andrang von Obdachsuchenden rechnet er trotz der Kälte nicht: "Offenbach liegt eher am Rand der klassischen Routen Obdachloser."

Die Ausstattung des Heims bietet das Nötigste. "Ich kann hier kochen, duschen, meine Sachen waschen und fernsehen", sagt Willy. Und wenn er bis zum nächsten Morgen bleibt, bekommt er 11,70 Euro ausbezahlt - der Tagessatz eines Hartz IV-Empfängers. Davon bezahlt er Kleidung, Essen, Tabak und Fahrkarten. "Ich lebe vom Minimum", erzählt er. "Wenn etwas ein paar Cent teurer wird, ist das extrem viel für mich."

Die im vergangenen Jahr gestiegenen Energiepreise und die Wirtschaftskrise spürt auch ein Obdachloser. "Die Leute geben immer weniger", stellt Willy fest. "Dabei bin ich auf Spenden angewiesen." Viele Wohnungslose können sich keine Fahrkarten für Bus und Bahn leisten. Manch einer provoziert es sogar, beim Schwarzfahren erwischt zu werden. Dann können sie "im Knast überwintern".

Willy zahlt lieber den Fahrpreis. Er war wegen Schwarzfahrens 15 Tage im Gefängnis. Mit drei Männern saß er in einer kleinen Zelle. "Bei 30 Grad, drei Rauchern und einem Klo in einem Zimmer war das nicht auszuhalten", berichtet er. "Wie in einem Käfig." Neben Schwerverbrechern saß er beim Frühstück. Willy ist sicher: "Da will ich nie wieder hin."

Lange trampt der 58-Jährige nicht mehr als Obdachloser durch Deutschland. Sein Hüftleiden schränkt ihn stark ein, auch die Wirbelsäule ist angeschlagen. "Ich will auf dem Land leben", sagt er. "Für immer auf der Straße bleiben, geht einfach nicht." Planen will der Wohnungslose aber nicht. "Ich lebe in den Tag", sagt er. Und so zieht er weiter trotz des Kälteeinbruchs  - mit Krücke und Rucksack.

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