"Deutschland tut sich schwer mit Veränderungen"

Kabarettist Kerim Pamuk über Integration in Deutschland

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Kerim Pamuk ist in der Türkei geboren und hat einen deutschen Pass. Als Kabarettist weicht er satirisch Religionsgrenzen auf.

Kabarettist Kerim Pamuk  tourt mit seinem Programm „Burka und Bikini“ durch Deutschland. Der gebürtige Türke  mit deutschem Pass verrät, wie er über Integration in Deutschland denkt und was ein Kulturhybrid  ist. Von Dirk Beutel 

Sie kommen mit Ihrem Programm Burka und Bikini am 1. Oktober nach Dietzenbach. Was dürfen die Zuschauer von Ihnen erwarten?

90 Minuten zum Thema Islam und alle anderen glaubensähnlichen Dinge und alle anderen alltäglichen Themen, in denen wir die vermeintlich aufgeklärten westlichen Europäer dann doch glaubensähnliche Rituale pflegen und die alte Religionen durch neue ersetzt haben. Man wird auch den Islam etwas näher kennenlernen, weil das Wissen darüber leider auch bei gebildeten Menschen immer noch rudimentär ist und momentan gerade geprägt wird, durch die aktuellen Ereignisse des Bürgerkriegs im Norden Iraks durch den Islamischen Staat. Dem muss man etwas entgegensetzen.

Was meinen Sie mit neuen Religionen?

Es gibt viele Dinge, die wir zur Glaubensfrage  hochstilisiert haben, über die man sich herrlich lustig machen kann. Zum Beispiel: Alleine schon die Themen Schwangerschaft, Geburt, Erziehung – es ist ja schon zur Religion geworden, welche Form von Geburt man vorzieht oder wie man sein Kind heutzutage erzieht. Es ist längst eine Glaubensfrage, welches Smartphone  man besitzt, welches Auto man fährt und wohin man in den Urlaub fliegt, ob man sich vegetarisch oder doch besser vegan ernährt. Alleine diese Dinge sind es wert, satirisch aufs Korn genommen zu werden.

Wie beobachten Sie Integration  in Deutschland?

Durch meine Geschichte habe ich den Vorteil für mich als Deutschtürke  oder Türkdeutscher oder besser noch als Hamburger Türke, dass ich mir den Außenblick auf beide Kulturen bewahrt habe. Ich kann klarer sehen, was so passiert und womit sich manche Menschen eben schwer tun. Dass man die Handbremse zieht, weil man befürchtet, die eigene Identität zu verlieren ohne genau zu wissen, woraus sie eigentlich wirklich besteht. In den vergangenen Jahren ist auch medial hochgekommen, dass sich viele Türken über ihre Religion definieren. Ich weiß aber, dass dies die überwiegende Mehrheit nicht tut. Auf der anderen Seite die leidige Doppelpass-Debatte. Du musst dich entscheiden, was bist du denn nun? Entweder bist du Türke, oder Deutscher. Es ist aber wichtig wahrzunehmen, dass es Generationen gibt, die in beiden Kulturen aufwachsen und beide in sich tragen. Diese Menschen darf man nicht zwingen, sich für eine Kultur zu entscheiden. Sie sind beides, kulturelle Hybride. Man sollte auch erwähnen, dass bei noch viel zu vielen Migranten die Breitschaft, sich in die Mehrheitsgesellschaft einzubringen und die Regeln zu befolgen, nicht sonderlich ausgeprägt ist. Es ist zwar schon viel passiert, aber vieles wird noch dauern, beide Seiten haben noch ein weiten Weg vor sich.

Welche Gesichter stehen für Sie für eine gelungene Integration und beweisen, dass Türken Deutschland bereichern?

Ich reagiere da immer etwas allergisch bei diesen Vorzeigeleuten. Wenn man sich die Kulturlandschaft inzwischen ansieht, gibt es eine ganze Reihe von Comedians und Kabarettisten, die auf den großen Bühnen stehen und eine Bereicherung sind. Sie können anfangen mit Pinar Atalay, der Tagesthemen-Sprecherin oder der deutsch-griechischen Linda Zervakis, die Tagesschau-Sprecherin ist. Auch auf der politisch-kulturellen Ebene wird das endlich widergespiegelt, was längst Realität ist. Und es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass auf eine gute Art und Weise eine Teilhabe stattfindet und dass es für diese Menschen keine Rolle mehr spielt, welche Herkunft sie haben, sondern was sie leisten. Integration wird erst kein Thema mehr sein, wenn es selbstverständlich geworden ist. Warum soll kein türkisch- oder griechisch-stämmiger Mensch Tagesschausprecher sein? Das ist nur hier immer noch ein Thema und da hinkt Deutschland gegenüber anderen europäischen Ländern hinterher.

In Deutschland machen sich immer mehr Menschen mit türkischen Wurzeln selbstständig. Nicht mit Dönerbuden, sondern mit High-Tech-Betrieben. Aber werden solche positiven Aspekte in der Bevölkerung überhaupt wahrgenommen?

Die deutsche Gesellschaft tut sich da unglaublich schwer. Ich weiß nicht, ob es etwas mit der Geschichte zu tun hat, aber ich merke, dass man sich hier unglaublich schwer mit Veränderungen tut, in jeder Hinsicht. In den wenigen deutschen Metropolen sind solche positiven Entwicklungen längst nichts mehr besonderes. Aber Deutschland scheint nicht zu wissen, wie es damit umgehen soll. Dabei braucht dieses Land Zuwanderer, allein schon weil die Deutschen zu wenig Kinder zeugen. Vor allem aber sollte man dies auch als kulturellen Mehrwert, als Bereicherung erkennen. Aber das passiert viel zu selten. Haben Sie Angela Merkel sagen hören, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist? Kein einziges Mal. Dabei wäre das ein wichtiges Signal so etwas auszusprechen, weil es nun einmal Fakt ist.

Auf der anderen Seite ist der Aufschrei riesig, sobald man negative Schlagzeilen über Migranten  liest. Wie etwa von Deutschenfeindlichkeit  in Problemschulen wie in Berlin.

Das Tröstliche ist, dass Vorurteile  und Rassismus  kein deutsches Privileg sind. Das finden Sie bei jedem Volk, bei den Türken selbstverständlich auch. Da kommt vieles zusammen, Beispiel Neukölln: Dort wurde soviel katastrophal falsch gemacht, was man jetzt versucht geradezurücken. Wenn aber die Stadtverwaltung Wohnungen nur einer bestimmten, meist bildungsfernen Schicht, in einem bestimmten Viertel zuweist, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn dort Parallelgesellschaften und eine Ghettoisierung entstehen. Und so ergibt sich eine unheilvolle Mischung. Diese Menschen glauben, dass sie bessere Menschen sind, weil sie keine Christen, sondern Muslime sind. Und die Vorbehalte gegenüber Deutschen gibt es dort genauso. Und sie sind genauso hirnrissig und dumm wie andersherum auch. Sie werden immer dort die größten Vorbehalte gegen andere Ethnien finden, wo Menschen nur unter ihresgleichen sind.

Deutschland ist, so formulieren Sie es überspitzt, ein Paradies für Haarspalter, Dauerreformer und manische Mülltrenner? Welche Stereotypen gibt es für die Türkei?

Wir Orientalen sind großartig in Selbstkritik. Jemand anders ist immer schuld: Finstere Mächte, jüdische Weltverschwörung, die USA, aber nur nicht wir selber. Diese Unfähigkeit zur Selbstkritik  ist ein leider ein sehr wahres Vorurteil.

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