Jüdische Gemeinde über wachsenden Antisemitismus

Vorurteile sind der Anfang: "Nicht alle Juden sind reich"

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Frankfurt - Sind Juden in Deutschland noch sicher? Leo Latasch ist Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt und fordert harte Strafen bei verbalen Entgleisungen, mehr politische Bildung und Verantwortung der muslimischen Verbände. Von Dirk Beutel 

Die Bundeskanzlerin hat nach den Anschlägen von Kopenhagen betont, dass jüdisches Leben in Deutschland sicher ist. Hat Angela Merkel recht?

Sie glaubt, recht zu haben, weil sie der Meinung ist, wenn sie gewisse Dinge anordnet – also etwa den Ländern zu sagen, die Sicherheit jüdischer Einrichtungen ist zu gewährleisten – dass dem Folge geleistet wird. Sicherlich, dem wird zum Teil Folge geleistet. Wenn man dann aber parallel mitverfolgt, dass drei Personen mit muslimischen Migrationshintergrund, die nach dem Versuch eine Synagoge in Brand zu setzen, dem Richter erzählen, dass dies keine Brandstiftung war, sondern Ausdruck ihres Missfallens mit der israelischen Politik und der Richter lässt dies gelten, dann greife ich mir ernsthaft an den Kopf. Ich frage mich, ob der Kanzlerin überhaupt bewusst ist, von was sie redet? Da muss ich mich ernsthaft fragen, ob der Schutz gewährleistet ist.

Wie schätzen Sie die Bedrohungslage im Rhein-Main-Gebiet ein?

Sie ist weder größer noch kleiner geworden. Das Problem ist, dass den Leuten aufgegangen ist, dass da Menschen in Frankreich ermordet wurden, nur weil sie einer bestimmten Religion angehörten und dies passiert vor unserer Haustür. Das verschärft Ängste die bislang verborgen geblieben sind. Aber Frankfurt und Offenbach haben in dieser Hinsicht weniger Probleme. Diese Städte tun alles, damit es zu keiner Ausländerfeindlichkeit kommt, dass hier keine NPD durch die Straße marschiert. Man soll aber dennoch nicht so tun, als ob bei uns alles in Ordnung wäre. Bundesregierung, Länder, Städte haben es zugelassen, dass es zu Zuständen gekommen ist, dass es Wohnbezirke in Dresden oder Leipzig aber auch hier in Hessen gibt, bei denen ich keinem empfehlen kann, sich mit einer Kippa oder der falschen Hautfarbe sehen zu lassen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hält es für gefährlich, in überwiegend von Muslimen bewohnten Vierteln einiger Städte die Kippa zu tragen. Schürt man damit nicht erst recht Ängste?

Ich glaube ja. Während Herr Schuster dieses Interview gab, fand in Berlin ein Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland statt. Und ein Großteil der Jugendlichen hatte trotz dieser Mitteilung ihre Kippa auf. Man darf sich nicht unterbuttern lassen. Und sollte jetzt auch nicht hergehen und eine Generalverurteilung aller Muslime machen. Es gibt aber eine immer größer werdende Anzahl muslimischer Jugendlicher, die sich ,ihren Neger’ suchen. Und dieser Neger sind in dem Fall nicht die herkömmlichen Schwarze. Zudem werden Türken nicht Türken angehen und Gewalt gegen andere Nationalitäten wie Italiener oder Spanier macht nicht so viel Spaß. Also werden Juden zu ‘Ersatznegern’. Das ist aber in meinen Augen kein reines Berlin-Problem. Das gilt überall in Deutschland auch für Frankfurt oder Offenbach.

Hätten Sie so eine Entwicklung vor fünf Jahren erwartet?

Nein, da hat sich die Situation deutlich verschlechtert. Da war früher mehr Ruhe, aber wie man sieht, eine trügerische. Aber das Problem ist in der deutschen Bevölkerung verankert. Deswegen kein Generalverdacht auf Muslime.

Experten schätzen, dass 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch sind.

Das sind aber nur die, die es zugegeben haben. Hierbei handelt es sich um Antisemitismus ohne Juden. Denn bis auf wenige Ausnahmen sind dies Menschen, die nie etwas mit Juden zu tun gehabt haben oder welche kennen. Trotzdem ist die ‘jüdische Weltmacht’ in deren Köpfen. Wenn ich aber jemandem erzähle, dass die Hälfte der jüdischen Gemeinde in Frankfurt im hohen Alter von Sozialhilfe lebt, denkt der ich würde lügen, alle sind doch reich. Ich sehe es als Problem an, dass die Bundesregierung politische Bildung, was andere Religionen aber auch Nationalitäten betrifft, irgendwann vernachlässigt hat. Wenn heute in der Schule eine Stunde der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust durchgenommen wird, ist das schon viel. Die Politik hat es ja auch bis heute nicht verstanden, der Bevölkerung klarzumachen, wie wertvoll für uns Nichtkriminelle, andere Nationalitäten, andere Religionen sind.

Das Wort Jude wird auf Schulhöfen als Schimpfwort verwendet, ebenso wie von Rappern wie dem Offenbacher Haftbefehl. Ist das eine verbale Entgleisung oder schon Antisemitismus?

Für mich ist das eine bewusste antisemitische verbale Entgleisung. Gewisse Ergüsse und Meinungsäußerungen müssen wir alle in einer Demokratie ertragen, aber dann kommt irgendwann die Grenze, wo die Meinungsfreiheit über die persönliche Beleidigung hinweggeht. Und da muss dann die Justiz bereitstehen und Strafen aussprechen, die weh tun. Die Beleidigungen auf Schulhöfen sehen sie an fast jeder Frankfurter Schule. Da wird immer so getan, als sei das kein Problem. Wir führen offene Dialoge mit Muslimräten und weisen seit Jahren auf diesen Antisemitismus hin. Und ich kann dieses Gejammer von wegen schlechter Jugend, kein Schulabschluss und keine richtige Bildung oder Arbeit nicht mehr hören. Es gibt auch andere Nationalitäten, andere Religionen, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben und nicht antisemitisch eingestellt sind.

Wenn Deutschland für Juden unsicherer wird, wäre Israel wirklich eine Alternative?

Die einzige Alternative. Für Juden in der ganzen Welt ist klar, dass Israel der einzige sichere Zufluchtsort ist. Deswegen halten wir die israelische Fahne hoch, auch wenn wir eine andere Meinung zur dortigen Politik haben.

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