Interview mit Jonathan Heimes

Wegen Kampf gegen den Krebs: 25-Jähriger auch ein Vorbild für die Lilien

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Das große Kämpferherz Jonathan Heimes (Mitte) bei der Aufstiegsfeier des SV Darmstadt 98, mit Lilien-Verteidiger Benjamin Gorka.

Darmstadt - Viermal wurde bei Jonathan Heimes Krebs diagnostiziert. Sein Kämpferherz gegen die Krankheit hat sogar die Fußball-Mannschaft des SV Darmstadt 98 inspiriert. Jetzt will der 25-Jährige neue Ziele angehen. Von Dirk Beutel

Wie geht´s Ihnen gesundheitlich gerade?

Mit 14 Jahren ging die Sache mit dem Krebs los bei mir. Viermal insgesamt wurde er bei mir diagnostiziert, das letzte Mal im vergangenen Jahr. Im Dezember ging die letzte Therapie zu Ende. Momentan geht es mir gut. Ich bin krebsfrei. Ich hatte 24 Chemotherapien, drei mit Stammzellenzugabe, 55 Bestrahlungen, sechs Operationen. Ich habe einen Bluttest gemacht und da ist immer noch einiges im Argen. Ich habe Anfang des Jahres mit einer Vitaminkur angefangen und die tut mir ganz gut.

Wie sehr hat die Krankheit Ihren Blick auf das Leben verändert?

Ich sage immer: Eins ist das Leben, zehn ist der Tod. Wer schonmal bei der neun war und das öfters, der kann gut einschätzen, wo man dort in dieser Skala steht und was wirklich wichtig ist im Leben.

Sie sind sehr eng mit dem SV Darmstadt 98 und dessen Aufstieg verwoben. Die Spieler tragen Ihr „Du musst kämpfen“-Armband seit dem legendären Bielefeld-Rückspiel. Nach dessen Sieg sind die Lilien in die Zweite Liga aufgestiegen.

Nach der 1:3-Hinspiel-Niederlage sagte Lilien-Trainer Dirk Schuster zu mir, dass es wichtig bei Relegationsspielen sei, dass man etwas hat, worauf man aufbauen kann. Und dann zeigte er auf mein Bändchen und sagte: ‘Das ist der Aufstieg’. Das werde ich nicht vergessen. Damals dachte der Verein schon, man hätte das Höchste der Gefühle erreicht. Darmstadt 98 in der Zweiten Liga. Und jetzt der Durchmarsch in die Bundesliga. Das ist ein Märchen. Aber ich bin ja nicht jeden Tag an der Mannschaft und kann daher nicht beurteilen, wer wie viel Glauben an das Bändchen hat. Wer aber nicht an diesen Kampfgeist glaubt, braucht es auch nicht zu tragen. Aber gerade wenn es wieder ernst wurde, in den letzten Spielen, hieß es vom Vorstand, man brauche wieder von den Bändchen, es seien welche kaputt gegangen.

Gab es Momente, in denen auch Sie mal nicht weiter wussten?

Natürlich braucht es einen langen Prozess, um sich seiner Situation erstmal bewusst zu werden. Da braucht es Kraft, sich zu berappeln. Aber man muss versuchen, stark zu sein. Das kommt nicht von eben auf gleich. Aber durch jedes Tal, durch das man gehen muss, wird man stärker. Und je länger das Tal, umso stärker kommst du da raus.

Trotz aller Strapazen widmen Sie sich karikativen Projekten. Sie haben im Februar die gemeinnützige „Du musst kämpfen“-GmbH gegründet.

Ich möchte etwas Gutes tun und mich bei „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ bedanken. Ich weiß, was der Verein leistet. Wenn es ihn nicht mehr geben würde, würde es die Krebsstation in der Uniklinik Frankfurt sehr hart treffen. Wenn man bedenkt, dass es in Deutschland nur 25 Krebsstationen gibt und 19 davon rote Zahlen schreiben, darf man dankbar sein, dass diese so gut funktioniert. Wenn es den Verein aber nicht mehr gibt, gibt es auch keine Krebsstation mehr. Ich bin zwar körperlich nicht in der Lage zu helfen, aber mental bin ich voll da, um etwas zurück zu geben.

Mit ihren Motivationsbändchen haben Sie großen Erfolg. Sind noch andere Projekte geplant?

In den zwei Jahren haben wir mit den Bändchen etwa 160.000 Euro gesammelt. Ich wollte einen Schritt weiter gehen und plane mit Freunden, die mit dem Tennissport verbunden sind, das Benefizturnier „Tennis Trophy 2015“ am 17. Juli beim TEC Darmstadt, wo noch neben Andrea Petkovic andere Prominente dabei sein sollen. Am Abend wird es noch eine Gala geben. Der Erlös soll in spezielle Sportgeräte für die Kinderkrebsstation in Frankfurt investiert werden. Danach soll es ein Fußballturnier im September mit den großen Clubs aus der Region geben. Wir schauen was möglich ist. Wir geben unser Bestes, suchen aber immer noch Unterstützung für unsere Projekte.

Gibt es manchmal Dinge, über die auch Sie sich ärgern?

Es wird kaum mehr über ernste Dinge gesprochen, wie Familie, Liebe und

Freundschaft. Werte die wichtig sind, um im Leben zu bestehen. Das Leben ist eben nicht immer Malibu und Sonnenschein, sondern auch mal Krankenhaus und Schmerz. Das gehört dazu. Und es wird immer mehr. Fast 490.000 Menschen erkranken jedes Jahr allein in Deutschland an Krebs. Das ist ein Problem über das irgendwie niemand so richtig reden möchte.

Woher holen Sie sich die Kraft für Ihren eigenen Kampf her?

Nach der vierten Krankheit merke ich schon, dass einiges in meinem Körper kaputt gegangen ist. Es fällt mir nicht mehr alles so leicht wie etwa nach der zweiten Krankheit. Die Therapien haben schon viel zerstört. Nach meiner zweiten Krankheit musste ich in den Rollstuhl und spürte unterhalb des Bauchnabels nichts mehr. Das ist für einen Sportler, als den ich mich immer gesehen habe, ein schweres Los. Aber du musst mit dieser Situation in der du da steckst klarkommen. Das war am Anfang eine schwere Zeit, aber man muss sie annehmen, akzeptieren und sagen: Was habe ich noch für Möglichkeiten, die mein Leben ausfüllen? Damals dachte ich mir, dass ich mich verbal mitteilen kann. Und obwohl ich mit Büchern nichts am Hut hatte, habe ich angefangen über meinen Überlebenskampf zu schreiben.

Das Schreiben war ein Ventil.

Das Schreiben hat mir geholfen, meine Freunde, aber auch der Sport.

Inwiefern?

Früher war ich sehr sportlich, war mal Hessenmeister im Tennis. Daher weiß ich: Sich in die Ecke setzen und herumjammern bringt nichts. Im Sport lernt man gut mit Rückschlägen umzugehen. Man verliert, aber es geht weiter. Und das habe ich für mein Leben übernommen. Kämpf einfach weiter! Probier es. Auch wenn nichts mehr geht, aber man hat es zumindest versucht. Mein Freunde hören das gar nicht gerne, aber ich vergleiche mein Leben mit einem Hollywood-Kinofilm in dem ich die Hauptrolle spiele. Der ganze Film wäre uninteressant, wenn ich nicht die Menschen um mich herum hätte, die mich lieben. Meine Familie, meine Freunde. Sie alle geben mir die Kraft. Sie glauben an mich und ich bin einfach nicht der Typ, der Menschen gern enttäuscht. Im Leben geht´s nur in eine Richtung.

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