Vor 20 Jahren: Erster bewaffneter deutscher Auslandseinsatz

Somalia 1993: „Das war Krieg!“

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Als Blauhelm in der Wüste: Drechsler in der Wüste.

Region Rhein-Main – Vor ziemlich genau 20 Jahren war Jörg Drechsler dabei, als deutsche Geschichte geschrieben wurde. Der Groß-Umstädter gehörte 1993 zu den deutschen Soldaten, die im Auftrag der Vereinten Nationen ins Bürgerkriegsland Somalia geschickt wurden. Von Norman Körtge

2010 war es der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der erstmals von einem Kriegseinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan sprach. Ein deutliches Signal dafür, was die Bundeswehr im Ausland macht. Aber auch wenn es 1993 in Somalia zu keinen Gefechten kam, keine Anschläge auf die Bundeswehr verübt und nur Warnschüsse in die Luft abgegeben wurden, steht für Jörg Drechsler fest: „Das war ein Krieg.“ Immerhin seien er und seine 300 Kameraden des zweiten Fallschirmjägerbataillons aus Lebach 1993 nur dafür da gewesen, das Bundeswehr-Lager im somalischen Beledweyne – mitten im Landesinneren, zirka 400 Kilometer nördlich von Mogadischu – zu beschützen: Mit schweren Maschinengewehren und Panzern. „Wenn Frieden herrscht, braucht man die nicht, oder?“, stellt der heute 41-Jährige eine rhetorische Frage. Die Videosequenzen, wie ein toter amerikanischer Soldat durch die Straßen von Mogadischu geschleift wird, sind im in bleibender Erinnerung.

Schießen gehörte zu seinem Job

Froh ist Drechsler, der in Frankfurt-Sossenheim aufgewachsen ist, dass er nie auf Menschen schießen musste. „Ich weiß nicht, wie ich mit solch einer Situation umgegangen wäre“, sagt er rückblickend über seine sechs Monate am Horn von Afrika.

Dass das Schießen zu seinem Job gehört hat, war ihm aber bewusst, als sich der gelernte Elektriker Anfang 1992 dazu entschloss, sich für zwei Jahre zu verpflichten. „Ich wollte raus, etwas nicht Alltägliches machen“, erzählt er. Bei seiner Musterung in Eschborn stellten sie ihm in Aussicht, Funker zu werden. Das wollte Drechsler aber nicht. Sein Wunsch war es, Fallschirmjäger zu werden. Und er wurde es. 20 Sprünge absolvierte er in seiner Dienstzeit. Allerdings keinen in Afrika.

Als im Februar und März 1993 die politische Diskussion über einen bewaffneten Einsatz im Rahmen der Vereinten Nationen in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Somalia losging, war Drechsler bewusst, dass wenn die Politik grünes Licht gibt, er und seine Kameraden als Krisenreaktionskräfte zu den ersten gehören würden, die den Marschbefehl bekommen. Anfang Mai 1993 kam der Marschbefehl. Zwiespältige Gefühle beim damals 21-jährigen Drechsler. „Ich fand gut, dass Deutschland Verantwortung übernimmt, und ich zeigen kann, was ich gelernt habe“, sagt er. Andererseits war da natürlich auch die Furcht vor dem Unbekannten. „Scheiße“, war dann auch der erste Kommentar seiner Eltern, als sie von dem Einsatzbefehl ihres Sohnes erfuhren.

Beziehung ging in die Brüche

Jörg Drechsler

Die Ängste seiner Eltern konnte Drechsler während seines sechsmonatigen Einsatzes in den ihm zustehenden zehnminütigen Satelliten-Telefonaten pro Wochenehmen: „In der einen Woche habe ich meine Eltern angerufen, in der anderen meine Freundin.“ Die Beziehung ging allerdings während des Einsatzes in die Brüche – wie bei vielen anderen Kameraden auch.

Pech in der Liebe, dafür ein dickes Bankkonto. „Ich habe es auch wegen dem Geld getan“, gibt Drechsler unumwunden zu. Mit allen Zuschlägen bekam er während seines Somalia-Einsatzes knapp 6000 D-Mark im Monat. Dafür schlief er in Zelten auf Feldbetten mit Moskitonetz, schwitzte bei Tagestemperaturen von bis zu 45 Grad und schützte sich in der Nacht mit Wollmütze und Handschuhe vor der Kälte.

Rückblickend sind Jörg Drechsler – mittlerweile Vater zweier Töchter und Platzwart im Darmstädter Böllenfalltor-Stadion – die leuchtenden und dankbaren Augen somalischer Kinder in Erinnerung, die sich über eine halbvolle Wasserflasche oder einen Apfel freuten. Da ist ihm auch bewusst geworden, was für eine Wegwerfgesellschaft Deutschland ist: „Vor Somalia habe ich eine bräunliche Banane einfach weggeworfen. Heute esse ich sie.“

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