Jens Kreuter im INterview

„Bufdis sind keine billigen Arbeitskräfte“

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Hat nicht mit dem großen Zulauf für den Bundesfreiwilligendienst gerechnet: Jens Kreuter, Leiter des Arbeitsstabes Freiwilligendienst im Bundesfamilienministerium

Orientierung in einer Umbruchphase, sinnvolle Tätigkeit nach dem Arbeitsleben: Für Jens Kreuter  (48), Leiter des Arbeitsstabes Freiwilligendienst  im Bundesfamilienministerium, ist der Bundesfreiwilligendienst eine echte Erfolgsgeschichte. Von Dirk Beutel

Seit 2011 gibt es bereits den Bundesfreiwilligendienst. Können Sie schon ein Resümee ziehen?

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein voller Erfolg – so wie die Freiwilligendienste insgesamt. Wir haben aktuell etwa 100.000 Menschen, die sich ein Jahr für das Gemeinwohl engagieren. Das ist ein fantastisches Geschenk, das wir uns als Gesellschaft machen und eine Bereicherung für alle Beteiligten.

Auch Rentner haben den Bundesfreiwilligendienst für sich entdeckt. Warum ist das so, und haben Sie mit dieser Entwicklung gerechnet?

Mit diesem hohen Zuspruch hat wohl niemand gerechnet und auch nicht mit dem großen Interesse der neuen Zielgruppe, die nicht nur Rentner umfasst, sondern alle über 27 Jahre. Die Gruppe ist ausgesprochen bunt. Es gibt Rentner, es gibt Wiedereinsteigerinnen nach einer Familienphase. Es gibt Menschen, die sich aus Langzeit-arbeitslosigkeit heraus engagieren. Die Rückmeldungen aus der Praxis sind durch die Bank positiv. Bei den Älteren gelten die gleichen Motivationsgründe wie bei den Jüngeren, wie etwa die Orientierungsphase, der Lerndienstcharakter spielt eine Rolle und ganz wichtig: Das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun, gebraucht zu werden.

Wie ist die Entwicklung unter den Schulabgängern?

Wir können nach wie vor einen erheblichen Teil Männer für den Freiwilligendienst gewinnen. Es gab die Sorge, dass nach dem Ende der Wehrpflicht und des Zivildienstes die Männer aus dem Sozialbereich komplett wegbrechen. Die Schulzeitverkürzung hat dazu geführt, dass sich ein prozentual größerer Anteil sagt: „Das eingesparte Jahr, das nehme ich mir jetzt für mich. Ich brauche es, um mal etwas anderes zu machen, um die Nase aus den Büchern zu bekommen, bevor es ins Studium geht.“

Unter den Älteren finden sich auch viele Hartz-IV-Empfänger. Für sie besteht die Möglichkeit des Wiedereinstiegs in den Arbeitsmarkt, aber auch die Tatsache, dass man keine Vermittlungsvorschläge annehmen muss.

Der Bundesfreiwilligendienst  ist nicht primär für diese Lebenssituation konzipiert worden. Aber jeder Mensch weltweit ist eingeladen, den Dienst zu leisten. Wir müssen nur überlegen, welche pädagogische Begleitung für diese Gruppe am angemessensten ist. Ich kenne niemanden, der lange Zeit arbeitslos war, einen Freiwilligendienst leistet und in dieser Zeit ein festes Jobangebot  bekommen und ausgeschlagen hätte. Selbstverständlich kann und wird jeder Langzeitarbeitslose bei dem Angebot einer festen Stelle zuschlagen. Denn wer Hartz IV bezieht, ist schon länger arbeitslos. Das Erleben der Freiwilligen, vor allem in den östlichen Bundesländern, ist eher so, dass da Menschen sind, die seit zwanzig Jahren arbeitslos sind und sagen: „Endlich werde ich nicht in eine weitere Maßnahme unter Strafandrohung  geschickt, sondern kann das machen, was auch ich für sinnvoll erachte.“ Darüber entsteht neues Selbstbewusstsein. Und das ist der entscheidende Faktor für viele Menschen, die den Weg in den ersten Arbeitsmarkt wiederfinden, weil sie sich wieder etwas zutrauen.

Tatsächlich hat die Bundesagentur für Arbeit  im August 2012 in einer Weisung den Jobcentern verboten, Hartz-IV-Empfängern zum Bundesfreiwilligendienst zu raten. Dabei gibt es doch bedürftige Interessenten genug.

Das war von Anfang an so und gilt immer noch. Der Bundesfreiwilligendienst muss ein Freiwilligendienst sein. Das heißt, es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass irgendjemand in den BFD geschickt oder gar gezwungen wird.

Es gab Anfang des Jahres einen Einstellungsstopp  für ältere Bufdi-Bewerber. Nur noch Interessenten unter 25 Jahre sollen angenommen werden. Warum?

Das ist ein Missverständnis. Diese Steuerung ist nichts Neues, sie gibt es seit Beginn des Bundesfreiwilligendienstes. Das Interesse ist so hoch, dass es die Möglichkeiten der Bezuschussung durch den Bund übersteigt. Es gibt mehr Nachfrage als bezuschussbare Plätze. Um damit umzugehen, um es zu steuern, verteilt der Bund in einem ersten Schritt das Kontingent an Plätzen an zwanzig Zentralstellen in Deutschland. Jede dieser Stellen steuert dann die Weitervergabe in eigener Verantwortung. Es gibt eine Zentralstelle, das ist die des Bundesamtes, bei der vor allem Kommunen angeschlossen sind. Dort war das Interesse so groß, dass es nötig war, auch intern zu steuern. Den Älteren ist der Dienstbeginn relativ egal. Hingegen wollen fast alle Jüngeren den Freiwilligendienst von Sommer bis Sommer leisten. Vor diesem Hintergrund haben einige Zentralstellen  gesagt ,wir unterteilen unser Kontingent über das Jahr’. Diese Stellen machen dann ihre eigene Planung und schauen dabei mit auf die Altersstruktur und halten Plätze für Jüngere frei. Es wird also keiner benachteiligt, sondern das Anmeldeverfahren ist jeweils anders und es berücksichtigt, dass alle Altersgruppen gleiche Chancen haben.

Vergangenen Juni forderte der Deutsche Städtetag, gemeinsam mit Landkreistag und Städte- und Gemeindebund, die Bundesregierung auf, endlich mehr Freiwillige zu bezahlen. Unterstützen Sie also den Antrag?

Es ist nicht meine Aufgabe, dem Haushaltsgesetzgeber irgendwelche Ratschläge zu geben. Das wird vom Deutschen Bundestag entschieden. Der Bund fördert bereits die Freiwilligendienste insgesamt mit etwa 300 Millionen Euro.

Eine Studie der Uni Heidelberg besagt, dass fast zeitgleich zur Einführung des BFD Maßnahmen wie Ein-Euro-Jobs regional gekürzt wurden. Kritiker, sagen, Bufdis sind das neue Billig-Personal.

Es gab keinerlei inhaltlichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen. Bundesfreiwilligendienstleistende sind keine billigen Arbeitskräfte, denn es steht dabei immer der Lern- und Orientierungscharakter im Vordergrund. Außerdem müssen alle Einsatzplätze arbeitsmarktneutral sein, das wird auch kontrolliert. Das geht soweit, dass bei der Einstellung eines Bundesfreiwilligendienstleistenden der Personal- oder Betriebsrat dabei ist. Für uns ist das schon ein wesentliches Sicherungsmerkmal. Denn kein Betriebsrat  wird so einer Einstellung zustimmen, wenn dadurch Arbeitsplätze verloren gehen. So etwas wird auch von Freiwilligen nicht berichtet.

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