Im Interview: Jan Costin Wagner verrät, was ein gutes Buch ausmacht

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In Gedanken: Bestseller-Autor Jan Costin Wagner lässt sich viel Zeit für die Entstehung seiner Romanideen. Sein neues Buch erscheint im Januar.

Er schafft einen Bestseller nach dem anderen: Krimi-Autor Jan Costin Wagner verrät im EXTRA TIPP wie seine Romane entstehen und was der wirkliche Lohn für einen Schreiber ist. Von Dirk Beutel

Welche Bücher haben Sie als Autoren geprägt?

Werke, in denen es der Autor geschafft hat, über die Sprache einen eigenen Zugang zu finden. Ich möchte ein Gefühl dafür bekommen, warum der Autor ausgerechnet diese Geschichte erzählt. Beispielhaft wären Friedrich Dürrenmatts ‘Das Versprechen’ oder Patricia Highsmiths ‘Der talentierte Mr. Ripley’ zu nennen. Mir gefällt es, wie Highsmith das klassische Schwarz-Weiß-Schema aushebelt und den Leser zwingt, ihren amoralischen Helden Ripley zu mögen.

Welches Buch liegt denn gerade neben Ihrer Leselampe?

Ein Roman von Dick Francis, einem ehemaligen Jockey, dessen Bücher immer im Milieu des Galopprennsports spielen. Ich mag seinen unverwechselbar menschlichen Grundton.

Sind Sie auch für Filme zu begeistern?

Ja, ich mag die Kunstform des Films, häufig sind es Filme, die mein Schreiben inspirieren. Das jüngste ganz besondere Film-Erlebnis war für mich die Serie ‘Breaking Bad’, die auf einzigartige Weise effektvolles Erzählen mit Tiefgang verbunden hat.

Sie schreiben Kriminalromane, die meist mehrere Perspektiven besitzen. Wie entstehen Ihre Geschichten?

Ich versuche mir, die Freude an dem was ich tue zu bewahren. Schreiben ist mein Beruf, aber es war nie Arbeit. Ich versuche nie eine Idee zu erzwingen. Ich warte solange, bis sich ein tragfähiger Erzählkern in meiner Gedankenwelt entwickelt. Das sind lange Prozesse, die lassen sich gar nicht erzwingen.

Trotzdem haben auch Sie Verträge und Abgabetermine.

Das stimmt. Aber ich habe mindestens zwei Jahre zwischen meinen Romanen Zeit. Und ich habe das Glück, dass ich einen Lektor habe, für den die zwei Jahre nicht in Stein gemeißelt sind, sondern einen, der sich wirklich auf das Buch freut. Ich hatte noch nie das Gefühl des Abgabedrucks.

Brauchen Sie eine bestimmte Atmosphäre zum Arbeiten?

Ich kann am besten schreiben, wenn ich innerlich ausgeglichen bin. Ein Beispiel. Als ich die wichtigsten Kapitel zu ‘Im Winter der Löwen’ geschrieben habe, hat meine Tochter wie wild auf ihrem Bett herumgetollt, auf dem ich mit dem Laptop saß. Das hat mich nicht im geringsten gestört oder abgelenkt, weil ich in diesem Moment glücklich war und die Ruhe in mir hatte.

Viele Menschen würden gerne Autor werden. Wie hat Ihre Karriere angefangen?

Ich habe schon als Jugendlicher Gedichte geschrieben. Die würde ich heute allerdings nicht mehr veröffentlichen. Da habe ich aber schon gemerkt, dass ich mich mit der Sprache des Fiktionalen Dinge, bestimmte Situationen des Lebens, klarer zum Ausdruck bringen kann als in irgendeiner anderen Form. Richtig angefangen mit dem Schreiben hat es bei mir Ende der Neunziger. Da habe ich aus purer Freude und ohne Erwartung eine Geschichte erzählt. Das würde ich immer einem Anfänger raten – mit Freude zu schreiben und ohne Erwartung.

Hatten Sie nicht sofort den Gedanken, das Buch an einen Verlag zu schicken?

Erst als der Roman fertig war, dachte ich daran, weil ich das Buch sehr mochte.

Die meisten Nachwuchsautoren mögen, was sie schreiben. Aber schaffen nie den Sprung, dass ihr Werk von einem Verlag veröffentlicht wird. Was lief da bei Ihnen anders?

Ich hatte keinerlei Bindung zum Buchmarkt. Deshalb hatte ich das Glück, über eine Schulfreundin an einen Literaturagenten zu kommen, der gerade frisch ins Geschäft eingestiegen ist. So kam dann der Kontakt zu meinem Lektor und Verleger zustande, mit dem ich heute noch zusammenarbeite.

Danach hagelte es Preise, Anerkennung und der Sprung in die Bestsellerliste. Wie wichtig ist so etwas einem Autor?

Das hat fundamentale Bedeutung. Wobei Verkaufszahlen kein echter Triumph sind. Mich freut ja jede Form von Rückmeldung. Vor allem dann, wenn ich genau spüre, dass sich der Leser und ich in dem Text begegnen. Das ist das Schönste was einem passieren kann. Aber Preise sind auch was Schönes, weil sie mir, pragmatisch gesehen, die Möglichkeit geben, vom Schreiben zu leben. Das hätte ich zuvor niemals erwartet.

Könnte Self-Publishing, also die Herausgabe durch den Schreiber selbst, für talentierte Nachwuchsautoren eine Hilfe sein?

Ich selbst bin froh, einen etablierten Verlag an der Hand zu haben, der sich um den Vertrieb und das Marketing kümmert. Ich könnte mich niemals so gut verkaufen. Unbekannte junge Autoren haben vielleicht heute durch Selbstvermarktung eine größere Chance entdeckt zu werden. Allerdings sollte sich ein Autor in meinen Augen nicht zu sehr auf das Vermarkten konzentrieren, sondern vor allem auf die Substanz seiner Bücher, auf den Kreativprozess.

Durch das Internet sind den Zeitungen viele Leser abhanden gekommen. Droht dies auch den Buchverlagen?

Gerade die großen Verlage müssen sich der großen Herausforderungen der digitalen Welt stellen, um weiter Schritt zu halten. Ich wünsche dem Buch, dass es weiter seine Berechtigung behält. Ich finde es schön, dass es noch eine Leserschaft für Hard-Cover-Bände gibt. Die sind zwar nicht für die Masse, aber für die Leser, die ein Buch um seiner selbst willen kaufen. Nichtsdesttrotz glaube ich, dass digitale Texte massiv zunehmen werden.

Haben die Menschen heute überhaupt noch die Zeit, um sich auf eine Lektüre einzulassen?

Erstaunlicherweise ja. Ich freue mich und wundere mich sogar darüber, dass es noch solche Menschen gibt. Es gibt so viele andere Impulse und Wahlmöglichkeiten.

Ihr Buch „Das letzte Schweigen“ wurde bereits verfilmt. Sie waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Würden Sie zum Beispiel für einen Tatort mal ein Drehbuch schreiben?

Warum nicht? Ich mag das Format, weil es in den besten Folgen mit Ernsthaftigkeit und manchmal mit Witz – da denke ich zum Beispiel ans Münchener Duo – eine substanzielle Geschichte erzählt. Ein Drehbuch ist natürlich etwas anderes, aber ich könnte mir das schon vorstellen.

Werden Sie die Frankfurter Buchmesse besuchen?

Auf jeden Fall. Mein neues Buch „Tage des letzten Schnees“ erscheint erst im Januar. Deshalb kann ich dort ganz entspannt Freunde und Kollegen besuchen.

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