So sollen auch junge Menschen begeistert werden 

200 Jahre Städel: Max Hollein über das Museum 2.0

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Sieht großes Potenzial der Digitalisierung als Parallel-Angebot zu einem Museumsbesuch: Städel-Chef Max Hollein.

Frankfurt - Das Städel feiert 200. Geburtstag. Museums-Direktor Max Hollein spricht über die Chancen der Digitalisierung, wie man Kinder für Kunst begeistert und wie sich künftig kleinere Institutionen finanziell über Wasser halten werden müssen. Von Dirk Beutel 

Kunst ist ein Bedürfnis, dagegen gewinnen Zerstreuungskanäle wie das Internet, Smartphones und soziale Netzwerke stetig an Aufmerksamkeit. Wo hat da die Kunst noch Platz?

Ich denke, das Museum wird in den kommenden Jahrzehnten noch mehr als heute als eine Art asynchroner Raum zu der Geschwindigkeit unseres Alltags und der medialen Informationsverarbeitung aufgenommen werden. Man nimmt im Museum anders auf, ist langsamer, konzentrierter und dialogfähiger. Interessant ist dabei auch die Tatsache, dass sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in einem Museum seit etwa 1960 nicht verändert hat. Andererseits haben sich das Erlebnis Museumsbesuch und die Aufgaben der Institution Museum im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neu definiert. Und gegenwärtig steht die Museumslandschaft und deren Selbstverständnis im Zuge der umfassenden Digitalisierung unseres Alltags vor grundlegenden Veränderungen, in der auch enormes Potential liegt. Wenn wir das Potenzial der voranschreitenden digitalen Entwicklung richtig nutzen und es uns gelingt, daraus ein paralleles Angebot zum Museumsbesuch zu entwickeln, bereiten wir den Weg für die Zukunft der Institution und die nächsten 200 Jahre des Städel Museums vor.

Wie lässt sich Kunst und sei sie noch so anspruchsvoll, für die breite Bevölkerung interessant präsentieren?

Jeder Besuch ist anders, jeder Besucher auch – Museumsbesucher sind extrem diversifiziert in ihrem Kenntnisstand und ihrer Erwartungshaltung. Wir sprechen deswegen unser Publikum nicht nur mit einer Stimme an. Vielmehr versuchen wir unterschiedliche Zugänge zur Kunst zu ermöglichen. Dies erreichen wir nicht bloß beispielsweise mit verschiedenen Katalogformaten zu Ausstellungen und dem vielfältigen Vermittlungsprogramm vor Ort, sondern auch mit unseren neuen digitalen Angeboten, wie etwa der Städel App, der Städel Digitalen Sammlung oder dem Digitorial zur Monet-Ausstellung.

Die Sammlung soll mit Facebook oder Twitter verknüpft werden. Warum?

Das Städel Museum ist bereits seit 2009 auf diversen Social Media Kanälen vertreten. Auf diesem Wege erreichen wir über die sozialen Netzwerke ein neues, auch jüngeres Publikum, mit dem wir interaktiv kommunizieren können. Das ist ein großer Gewinn für uns, zumal wir auf diesem Weg einen ganz neuen Zugang zu unseren Themen bieten und regelmäßiges Feedback auf unsere Arbeit bekommen.

Gibt es da noch Ideen für die Zukunft, die in einer Schublade nur darauf warten, dass man sie umsetzt?

Die digitale Erweiterung des Städel Museum ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern eines, an dem wir kontinuierlich arbeiten. Auch die digitalen Vorbereitungsformate für den Ausstellungsbesuch, die Digitorials werden wir fortwährend und bei allen großen Projekten anbieten. Ebenso entwickeln wir derzeit einen Onlinekurs zur Kunst der Moderne gemeinsam mit der Leuphana Universität Lüneburg, der voraussichtlich Ende des Jahres online gehen wird. Aber auch bereits online gegangene Vorhaben entwickeln wir stetig weiter: So binden wir bei der Städel Digitalen Sammlung das Feedback der Nutzer mit ein und entwickeln im Dialog neue Funktionalitäten.

Wie wird das Ganze kindgerecht umgesetzt?

Wir haben für unterschiedliche Altersgruppen und auch für verschiedene Anlässe digitale Projekte entwickelt. Diese wenden sich teilweise auch dezidiert an Kinder: So wird im Frühjahr unser Point-and-Click-Adventuregame „Imagoras – Die Rückkehr der Bilder“ als kostenlose App zum Download für Tablets zur Verfügung stehen, ein bildungsbezogenes Computerspiel für Kinder ab acht Jahre. Dabei steht natürlich der Spielspaß und die ästhetische Bildung im Vordergrund.

Etwa Dreiviertel ihres Haushalts kommt ohne öffentliche Hilfe aus. Kleinere Kulturinstitutionen kämpfen ums Überleben, weil kommunale Zuschüsse gekürzt oder gestrichen werden.

Die Finanzierung durch die öffentliche Hand ist ein wesentlicher Grundpfeiler der deutschen Kulturlandschaft und kann durch nichts ersetzt werden. Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft mehr und mehr gefragt, sich ebenso zu engagieren und auch Verantwortung für kulturelle Einrichtungen mit zu übernehmen.

Muss man sich da nicht zwangsläufig auf die Suche nach Privatinvestoren machen?

Unsere Entstehungsgeschichte unterscheidet uns von vielen anderen Institutionen: Es beruht nicht auf einer fürstlichen Sammlung. Es war der Wille eines Einzelbürgers, Johann Friedrich Städel, der das Museum gegründet hat, und diese Vision wird seitdem von vielen anderen weiter getragen. Bis heute ist das Städel deshalb innerhalb der deutschen Museumslandschaft eine Anomalie, weil es den höchsten Eigenfinanzierungsgrad unter den Kulturinstitutionen dieser Größenordnung hat. Der Anteil öffentlicher Gelder unserer Finanzierung liegt unter 20 Prozent. Dies verdeutlicht umso mehr, dass viele Mäzene, Stifter, Spender, aber auch Sponsoren dieses Museum lebendig halten und ermöglichen, dass es sich stetig fortentwickelt. Diese Entwicklung ist für das Städel aber eben keine neue Entwicklung, sondern lässt sich im Gegenteil schon auf die Geschichte und Identität dieses Museums zurückführen. Dabei zeigte sich vor allem in den vergangenen Jahren, dass die Frage, welche kulturellen Einrichtungen sich in Zukunft weiter entwickeln können, schon lange nicht mehr allein die öffentliche Hand beantworten kann. Diese Verantwortung liegt eben mittlerweile auch bei der Gesellschaft.

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