Mit Viola Krause

Interview: Ist der Volkstrauertag out?

+
Hofft auf mehr Engagement aus der Gesellschaft: Viola Krause, Geschäftsführerin des Hessischen Landesverbandes des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Er wirbt für Versöhnung und Frieden, doch das wird immer schwerer. Viola Krause, Geschäftsführerin des Hessischen Landesverbandes, wünscht sich mehr Interesse für den Volkstrauertag. Von Dirk Beutel

Am 17. November laden viele Kommunen wieder ihre Bürger ein, um der Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen zu gedenken. Werden diese Feiern von der breiten Bevölkerung überhaupt wahrgenommen?

Es wäre naiv zu glauben, dass die Bedeutung dieses Tages zum Gedenken der Opfer des Ersten und Zweiten Weltkrieges noch in der Breite wahrgenommen würde, da die Zeitzeugengeneration langsam ausstirbt. Daher wird jährlich die Frage öffentlich diskutiert, ob man diesen Tag erhalten sollte oder wie er künftig zu gestalten sei.

Oft wird hinzugefügt, dass alle Angehörige aller Opfer der Kriege, des Terrors und der Gewalt eingeladen sind. Sollen sich dadurch mehr Menschen angesprochen fühlen?

Der Gedenktag orientiert sich am Totengedenken, dem zentralen Element dieses Tages. Darin wird zum Beispiel erinnert an gefallene Soldaten, Bombenopfer, Zivilisten, Opfer der NS-Euthanasie, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Das Totengedenken ist einem kontinuierlichen Veränderungsprozess unterzogen. Zum Beispiel wird nun auch der gefallenen Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräften gedacht, die im Ausland ihr Leben verloren.

Noch vergangenes Jahr kritisierten Sie, dass sich die Gesellschaft aus der Diskussion um den Volkstrauertag zurückzieht. Beobachten Sie diese Entwicklung noch immer?

Ja, ich beobachte das nach wie vor. Ich finde, den Volkstrauertag sollte man nicht alleine dem Volksbund überlassen. Da müsste sich die Zivilgesellschaft mehr engagieren und der Frage nachgehen, wie gehen wir mit diesem Tag um. Es ist nunmal Fakt: Die Erlebnisgeneration gibt es bald nicht mehr. Deshalb muss sich die Zivilgesellschaft fragen, was künftig der Inhalt dieses Tages sein soll.

Seit 1999 herrscht in Europa Frieden, aktuelle Kriege scheinen weit weg. Wie nah ist das Thema Volkstrauertag bei der Jugend?

Das Interesse ist eher schwach ausgeprägt. Aber das stelle ich auch bei den Menschen meiner Generation fest.

Was tut der Volksbund, um das Thema in die jüngeren Generationen zu tragen?

Wir haben ausgewählte Kriegsgräbestätten zu Lernorten entwickelt und veranstalten Bildungsprojekte zum Beispiel für Schulen. Eine Spurensuche durch die Geschichte, mit der wir die Jugendlichen für diese Orte sensibilisieren wollen. Viele wissen überhaupt nicht, dass es solche Plätze im öffentlichen Raum gibt. Das ist kein Wunder, denn oft findet man nicht mal ein Hinweisschild, das einem der dort vorbeikommt erschließt, um welche Gräber es sich handelt, welche verschiedenen Toten dort liegen und welche Geschichte sich mit ihnen verbindet.

Müssen Sie noch auf die Schulen zugehen?

Das war zu Beginn der Schul-Projektarbeit noch so. Mittlerweile werden wir von den Schulen wahrgenommen. Aber wir veranstalten auch außerschulische Projekte. Dafür können sich Feuerwehren, Pfadfinder oder Senioren anmelden. Je nachdem wird das Thema immer anders methodisch aufgebaut. Außerdem gibt es die internationalen Workcamps. Dort begegnen sich Jugendliche und setzen sich inhaltlich mit den Weltkriegen und der Gewaltherrschaft auseinander.

Müsste der Volkstrauertag auf den Lehrplan der Schulen?

Das wäre wünschenswert, aber nicht der Tag als solcher. Vielmehr müsste es um die Erinnerung an die Opfer gehen, und der kritischen Auseinandersetzung Deutschlands nicht nur in Bezug auf Deutschland und die Weltkriege, sondern es müsste auch um aktuelle Konflikte und deren Ausmaße und Opfer gehen.

Welche Anknüpfungspunkte haben Sie bei Jugendlichen? Viele haben kaum ein Bewusstsein für den Krieg.

Da gibt es viele. Menschenrechte, Rassismus, der Umgang mit Minderheiten. Zum Beispiel sind das Themen, die auch auf einer Kriegsgräberstätte thematisiert werden können und an die Jugendliche mit ihren persönlichen Alltagserfahrungen anknüpfen können. Etwa wenn es um Tote geht, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Das sorgt bei vielen für einen Aha-Effekt.

Versöhnung, Verständigung, Freundschaft – dafür wirbt der Volksbund. Doch außer vor und während des Volkstrauertages ist innerhalb eines Jahres nur wenig von Ihnen zu hören oder kommunizieren Sie ihre Arbeit zu wenig nach außen?

Das hat sich seit zwei, drei Jahren verbessert. In der Vergangenheit kam es immer wieder mal vor, dass über unsere Bildungsprojekte mit Schulen nicht als Kooperationsprojekt mit dem Volksbund berichtet wurde. Warum das so war, ist mir schleierhaft.

Zu ihren Aufgaben gehört auch die Betreuung von Angehörigen. Für manchen endet mit dem Fund eines Grabes die quälende Suche nach einem Familienmitglied. Wann wurden zuletzt Kriegstote gefunden?

Kriegstote werden jeden Tag gefunden und durch die Umbetter des Volksbundes geborgen. Diese Arbeit wird kontinuierlich fortgesetzt. Der Friedhofsbau ist mit Einweihung des letzten Sammelfriedhofes in Weißrussland abgeschlossen. Kriegstote, die gefunden werden, werden auf naheliegende Sammelfriedhöfe zugebettet. Im Westen ist die Suche abgeschlossen.

Sie finanzieren sich zum Großteil aus den Spenden ihrer Mitglieder. Das sind meist Betroffene und die werden weniger, also auch das Geld.

So ist es. Dadurch ergeben sich immer größere Haushaltslücken, die wir nur noch über unsere Haus- und Straßensammlungen oder durch Nachlässe in den Griff bekommen. Doch es wird immer schwieriger unsere Existenz sicherzustellen.

Wo sehen Sie den Volksbund in 15 Jahren?

Viola Krause ist seit 2002 Geschäftsführerin des Hessischen Landesverbandes Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Zuvor war die 50-Jährige als Bildungsreferentin beschäftigt. Der Volksbund pflegt derzeit 1,8 Millionen Gräber auf 832 Friedhöfen in 45 Ländern dieser Welt.

Schwer zu sagen. Wir befinden uns ja schon in einem Entwicklungsprozess. Die zunehmende finanzielle Schieflage greift insofern, dass bei Personalkosten gespart wird. Eine frei gewordene Stelle wird nicht mehr besetzt. Das wird in den nächsten Jahren zunehmen, aber wir leben damit. Sollte der Verein die Finanzierung seiner Arbeit nicht mehr sicherstellen können, müsste der Volksbund die Grabpflege an den deutschen Staat zurückgeben.

Kommentare