"Die Armut verfestigt sich im Kreis"

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Das Beratungsangebot der Diakonie ist gefragt.

Schwalbach – Solveig Burczik ist die neue Leiterin des Diakonischen Werkes Main-Taunus (DWMT). Die gelernte Erzieherin und studierte Sozialarbeiterin ist 56 Jahre alt. Das DWMT mit Sitz in Schwalbach hat 42 Mitarbeiter und bietet Beratung und Hilfe in vielen Lebenslagen. Von Norman Körtge

Das DWMT ist eine kirchliche Einrichtung. Ist das vielen kirchenfremden Menschen überhaupt noch bewusst, dass hier auch mit Kirchensteuergeldern Hilfe geleistet wird?

Den Christen in der Region ist das schon bewusst. Wichtig ist, dass uns die Hilfebedürftigen finden. Die Menschen, die unsere Beratung in Anspruch nehmen, wissen, dass wir eine kirchliche Einrichtung sind. Wir beraten alle Menschen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit oder Herkunft.

Der Main-Taunus- und Hochtaunuskreis gelten als die einkommensstärksten in Deutschland. Ist hier die Kluft zwischen Arm und Reich besonders spürbar?

Im Main-Taunus-Kreis gibt es 9000 Personen, die soziale Unterhaltsleistungen beziehen. Armut verfestigt sich auch im Main-Taunus-Kreis und hier ist eine Spaltung zwischen Arm und Reich zu beobachten. Als Optionskommune hat der Kreis eine besondere Verantwortung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit übernommen, die angesichts knapper Mittel nicht gekürzt werden dürfen.

Dennoch muss auch beim DWMT gespart werden. Was sind die Gründe dafür?

Viele unserer Arbeitsgebiete haben eine Finanzierung, die zum Beispiel die Lohnerhöhungen unserer Mitarbeiter nicht berücksichtigen. So kommt schnell eine fünfstellige Summe zusammen, die finanziert werden muss.

Gibt es Angebote, die wegfallen?

Bis jetzt gelingt es uns, alle Arbeitsgebiete fortzuführen. Kosteneinsparungen sind nur in geringem Umfang möglich, da qualifiziertes Personal 80 Prozent unserer Kosten ausmacht und für unsere Arbeit unerlässlich ist.

Wo sehen Sie die größten gesellschaftlichen Probleme?

Mein Wunsch ist es, dass möglichst viele Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können und somit mehr Teilhabe an der Gesellschaft erfahren. Dieser locker daher gesagte Spruch ,Die wollen ja gar nicht’ stimmt in den meisten Fällen nicht. Die Menschen leiden unter der Arbeitslosigkeit und wollen nicht dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sein.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des DWMT sind psychosoziale Beratungen und Hilfen. Wo liegen die Ursachen dafür?

Die Psychiatriereform von 1975 hat festgelegt, dass psychisch kranke Menschen ambulant betreut werden sollen. Seit dieser Zeit sind die psychosozialen Hilfen bei uns ein Schwerpunkt. Depressionen nehmen in letzter Zeit zu. Auslöser sind die Belastungen am Arbeitsplatz, hinzu kommt der gesellschaftliche Druck, einfach immer funktionieren zu müssen. Die Angst, nicht mithalten zu können, wird dann manchmal zu groß.

Was genau macht das DWMT in Sachen Schuldenprävention?

Hier arbeiten wir gut mit der Stadt Schwalbach zusammen. Es geht vor allem darum, ALG-II-Empfänger und Menschen mit geringem Einkommen zu beraten, wie sie mit ihrem Geld auskommen können. Außerdem sagen wir ihnen, welche Anträge sie stellen müssen, auf welche Förderungen ihre Kinder Anspruch haben und helfen ihnen beim Ausfüllen der Anträge.

Durch die Formulare steigen viele nicht durch?

Leider ja. Vor allem Menschen, die die deutsche Sprache nicht hundertprozentig beherrschen, haben damit Probleme. Aber auch andere brauchen Hilfe. Ein Antrag auf Elterngeld ist zum Beispiel auch gar nicht so einfach auszufüllen.

Sie haben bereits von 1992 bis 1996 als DWMT-Leiterin gearbeitet, waren dann nach der Geburt ihrer Töchter teilzeitbeschäftigt und seit 2011 wieder Stellvertreterin. Was ist für sie jetzt noch neu?

Die Mitarbeiterzahl hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. Zudem ist mein Beratungsanteil weggefallen. Viele Jahre hätte ich mir meine Arbeit ohne diesen Anteil nicht vorstellen können. Da jetzt meine Kinder schon groß sind, möchte ich beruflich wieder mehr Verantwortung übernehmen und Entwicklungen gestalten.

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