Khola Maryam Hübsch über die Stellung der muslimischen Frau

Der Islam ist nicht das Problem

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Frauenunterdrückung hat nichts mit dem Islam zu tun, sagt Khola Maryam Hübsch.

Die Journalistin Khola Maryam Hübsch fordert im Interview mit dem EXTRA TIPP von Muslimen mehr Aufklärung gegenüber Salafisten und sie erklärt, warum ihr Glaube keine Frauen unterdrückt. Von Dirk Beutel

Welches Vorurteil gegenüber der Frau im Islam nervt Sie persönlich am meisten?

Dass die Frau im Islam unterdrückt wird. Und dass das Kopftuch ein Symbol dessen sein soll. Das ist ein großer Schwachsinn.

Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Selbst- und dem Fremdbild der muslimischen Frau?

Da herrscht eine riesige Diskrepanz. Der Islam lehrt Geschlechtergerechtigkeit, muslimische Frauen leben häufig selbstbestimmt und beziehen sich dabei auf ihre Religion. Es steht ihnen frei sich zu entfalten, zu studieren. In bestimmten Ländern, etwa im Iran, gibt es eine Männermindestquote an den Universitäten. In Pakistan studieren viele Frauen männerdominierte Fächer wie Informatik. Auf der anderen Seite glaubt man hier, dass die Frauen unterdrückt werden und dem Mann nachgeordnet seien. Das hat aber nichts mit dem Islam zu tun. Wenn man zurückgeht zu der vorislamischen Tradition, findet man starke patriarchalische Strukturen. Der Islam schaffte diese frauenverachtenden Traditionen ab. Wie die Zwangsheirat. Islamisch gesehen gilt eindeutig die Voraussetzung, dass Mann und Frau einer Ehe zustimmen müssen. Natürlich gibt es noch die Zwangsehe, meist jedoch in bildungsfernen Familien, das wird gerne mit dem Islam vermischt, hat damit aber nichts zu tun.

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Trotzdem hat der Islam ein Imageproblem.

Das stimmt, aber es wird viel getan. Die Taliban ist die böse Fratze des Islams. Wir kämpfen für eine bessere Bildung der Frau, wir wollen mit unserer innerislamischen und öffentlichen Arbeit wie Infoveranstaltungen und einem umfangreichen Bildungsangebot dafür sorgen, dass die Menschen gar nicht erst auf diese Fundamentalisten hereinfallen. Man darf nicht vergessen, dass es auf der Welt eine Reformbewegung gibt, die selbst von Orthodoxen verfolgt wird, wie etwa von den Hardlinern in Pakistan. Trotzdem glaube ich an die Vernunft des Menschen.

An immer mehr Schulen in Deutschland wird islamischer Religionsunterricht gelehrt. Wie wichtig ist das für Teilhabe und Integration?

Das ist ein guter Anfang. Die Ahmadiyya Muslim-Gemeinde ist ja die erste islamische Gemeinde, die als Körperschaft anerkannt wurde. Damit wächst die Verantwortung, etwa bei der Seelsorge, der Ausbildung von Imamen und dem Schutz vor Fundamentalismus. Der Islam gehört eben zu Deutschland, wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft.

Immer wieder wird von der Gefahr der Salafisten gesprochen. Welchen Eindruck haben Sie von deren bekanntesten Aushängeschild Pierre Vogel?

Ich finde, er wird etwas überschätzt. Viele junge Menschen auf Identitätssuche sind unter bestimmten Umständen für Extreme anfällig, das sieht man ja auch bei den Rechtsradikalen. Da sind die Muslime stärker in der Pflicht aufzuklären. Es muss mit Vernunft gegen diese Strömungen argumentiert und mit Bezug auf die islamische Quelle stärker gekontert werden.

Müsste sich die islamische Gesellschaft in Deutschland nicht medienwirksamer präsentieren, um gegen die hartnäckigen Vorurteile anzukämpfen?

Das ist als Minderheit nicht so einfach. Trotzdem ist die Gemeinde sehr aktiv. Ich denke da etwa an die vielen Aufklärungskampagnen, Infoveranstaltungen wie den Tag der offenen Moschee und Hilfsaktionen. Wie etwa das erste Elbe-Hochwasser vor zehn Jahren als Mitglieder Ahmadiyya-Gemeinde dort geholfen haben. Allerdings ohne große mediale Effekte. Schließlich geht es ums helfen und nicht darum, jede Aktion an die große Glocke zu hängen und zu seinem Vorteil auszuschlachten.

Der Koran ist nicht frauenfeindlich, er wird nur patriarchal ausgelegt. Dabei bietet er eine geschlechtergerechte Interpretation an. Fehlt den Betroffenen der Mut dies laut auszusprechen?

Der Islam hatte von Anfang an das Ziel, Geschlechtergerechtigkeit zu etablieren. Im Frühislam waren Frauen sehr engagiert, sie waren bei Schlachten dabei, nahmen am politischen Leben teil, waren große Gelehrte des Islam. Eigentlich ist das, worüber wir heute reden ein Rückschritt und ein globales und vor allem ein politisches und soziokulturelles Problem. Nehmen wir die Massenvergewaltigungen in Indien, das gezielte Abtreiben von Mädchen in China, hier in Deutschland haben wir die Sexismusdebatte gehabt und sprechen über eine nötige Frauenquote und häusliche Gewalt.

Aber wie kann man sich diesen Rückschritt erklären?

Es gibt viele Gründe. Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab es viele extreme politische Strömungen wie den Kommunismus oder den Nationalsozialismus und vor dem Hintergrund der Kolonialisierung hat sich auch der Islam radikalisiert um sich von der westlichen Welt abzugrenzen. Die Leidtragenden waren eben die Frauen als schwächerer Teil der Gesellschaft. Aus meiner persönlichen Sicht als Muslimin ist ein wesentlicher Grund jedoch auch, dass der Reformer der Zeit, der die Ahmadiyya Muslim Gemeinde gründete, von den meisten Muslimen derzeit noch nicht akzeptiert wird.

Könnten nicht auch weibliche Imame einen Teil dafür leisten, um sich weiter vom Patriarchat zu entfernen?

Weibliche Imame hat es immer gegeben und wird es immer geben, sie sind allerdings nur unter Frauen Vorbeterin. Für gemischte Gruppen sind weibliche Imame eine Randerscheinung, die von den meisten muslimischen Frauen nicht unterstützt werden.

Werden Männer die Lage der Frauen in islamischen Ländern freiwillig verbessern?

Das ist schwer zu beantworten, weil es sich im Grunde um ein klassisches Problem handelt. Auch hier in Deutschland sind die meisten Gremien oder Vorstandsposten mit Männern besetzt. Natürlich braucht es einen Mentalitätswandel, vor allem in der sogenannten islamischen Welt. Der Koran ist ein starkes Mittel im Kampf gegen frauenverachtende Traditionen. Man muss jedoch auch bedenken, dass es viele Frauen gibt, die gar nicht nach höheren Posten streben, sondern sich der Familie und dem eigenen Glück widmen möchten. In Deutschland können Frauen jeden Beruf ausüben, den sie möchten und wählen trotzdem meistens die klassischen Frauenberufe. In Pakistan etwa treiben sie ökonomische Zwänge an.

Auf der anderen Seite haben Frauen, die ein Kopftuch tragen hierzulande große Probleme eine gute Arbeitsstelle zu finden.

Das ist ein großes Problem, nicht nur für Lehrerinnen und Beamtinnen. Frauen mit Kopftuch werden bei der Arbeitssuche häufig diskriminiert. Unter dem Deckmantel der Neutralität wurde das Kopftuchverbot beschlossen. Davon geht jedoch eine falsche Signalwirkung der Politik aus, denn dies bekräftigt doch gerade die Vorurteile. Deshalb muss das Verbot wieder weg, auch im Sinne der religiösen Gleichbehandlung.

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