Warum essen wir eigentlich keine Insekten?

Interview mit Food-Forscher zum Start des Dschungelcamps

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Das RTL-Dschungelcamp ist gestartet und damit auch wieder die von den Promis gefürchteten und von den Zuschauern geliebten Ess-Ekel-Prüfungen. Der EXTRA TIPP sprach mit dem Frankfurter Food-Ethnologen Marin Trenk über Insekten und andere Leckereien als Speise. Von Oliver Haas

Schauen Sie sich überhaupt das Dschungelcamp samt der Ekelprüfungen an?

Ich habe es schon mal gesehen. Ehrlich gesagt war das aber Zufall. Es kam mal vor dem Dschungelcamp bei Spiegel TV ein Bericht über mich und dann wurde ich davon irgendwie gefangen genommen.

Was denken Sie, wenn Sie sehen, dass die Kandidaten dort Speisen wie etwa Kakerlaken essen müssen und große Probleme damit haben?

Das wundert mich überhaupt nicht, weil es für uns seit 1500 Jahren nicht mehr üblich ist Insekten zu verspeisen. In Europa wurden Insekten von den alten Griechen und Römern gegessen. Ich muss betonen, dass die Römer eine fabelhafte Esskultur hatten und mit dem Untergang des römischen Reiches hat Europa aufgehört Insekten zu essen. Deswegen tauchen diese Tiere grundsätzlich nicht mehr auf dem Speiseplan auf. Das ist der große Unterschied zwischen uns und den meisten anderen Kulturen auf dieser Welt. Denn Insekten werden fast überall gegessen. Natürlich nicht überall mit großer Begeisterung und nicht überall alle. Selbst die alten Hebräer, die viele Speiseverbote hatten, aßen zum Beispiel Heuschrecken. Die Genießbarkeits-Grenze bei Insekten zu ziehen, ist typisch für uns. Und dementsprechend wächst jeder hier mit dieser Ekel-Abwehrhaltung gegenüber Insekten auf. Genau deswegen eignen sie sich so wunderbar, um Leute zu provozieren oder für Mutproben.

Eine Bekannte von mir isst seit Kindesbeinen keine Bananen, bei einer Verwandten dreht sich der Magen um, wenn sie Brokkoli sieht. Wie entwickelt sich Ekel auf bestimmte Speisen?

Man muss zwei Sachen unterscheiden. Das, was sie beschreiben, sind individuelle Entscheidungen und sie werden in jeder Gesellschaft Leute finden, die Speisen nicht mögen, die allgemein anerkannt sind. Ich persönlich kann zum Beispiel keine rohen Zwiebeln essen, da wird mir buchstäblich schlecht. Sonst bin ich ziemlich hart im Nehmen, was Essen angeht. Wissenschaftlich nennt man dies „Individuelles Unbehagen“, das man nicht überwinden kann. Aber das ist auf einer ganz anderen Ebene wie eine Kollektivvermeidung, wie gegenüber Insekten als Speise. Aber um noch ein sehr aktuelles Beispiel dafür zu bringen: Kaum jemand, der unter 30 Jahre alt ist, isst heute noch Innereien. Diese sind heutzutage von jungen Leuten sehr stark mit Ekel verbunden. Und dies ist wieder eine kollektive Sache. Warum jemand ganz persönlich bei bestimmten Speisen Ekel erfindet, das lässt sich schwer sagen und ist in Tiefen der jeweiligen Biographie zu finden.

Woran liegt es, dass Innereien wie Nierchen, Hirn und Herz nicht mehr gerne gegessen werden?

Es ist auffallend, dass nur bei uns seit den vergangenen zwei bis drei Generationen diese Speisen vor allem von jungen Leuten nicht mehr gegessen werden. Weiter südlich, etwa in Österreich oder Italien, und dem ganzen Mittelmeerraum sieht das Ganze schon anders aus. Dort werden Innereien nach wie vor sehr gerne gegessen. Bei uns hat ein Wandel stattgefunden: Alles was zu sehr an ein Tier erinnert, sehen wir nicht gerne auf dem Teller. Wenn ein Stück Hühnerbrust in Streifen geschnitten ist, dann könnte das auch Tofu sein. Aber eine Niere bleibt als Niere kenntlich und ein Hirn sieht eben aus wie ein Hirn. Aber nicht nur die Innereien lehnen viele ab, auch Schweinsfüße, Ochsenschwänze oder Schweineöhrchen. Eben alles, was zu sehr an das tierhafte erinnert wird zunehmend verpönt.

Habe sie als Food-Ethnologe Beispiele für Speisen, die bei uns völlig normal sind, aber in anderen Ländern nur Kopfschütteln hervorrufen?

Japaner haben eine große Abneigung gegen Milchreis. Obwohl Reis bekanntlich eine wesentliche Grundlage der dortigen Ernährung ist, wird die Kombination mit Milch dort vehement abgelehnt. Und Japaner sollen eine tief verwurzelte Abneigung gegen Lakritze haben. Aber allgemein ist bekannt, dass Milchprodukte, die einen ausgeprägten Geruch und Geschmack haben, in Asien Ekel hervorrufen. Ich hatte eine interessante Erfahrung in Kenia. Ein Stamm dort isst liebend gerne gegrillte Heuschrecken, aber sie würden niemals auf die Idee kommen Shrimps zu essen. Die wussten zwar, dass wir Europäer das gerne essen, aber fragten mich dann, ob ich denn nicht wüsste, dass diese Tiere genau so aussehen wie kleine Maden. Und als ich das nächste mal in Deutschland Shrimps bestellte, da dachte ich: Ja, da ist was dran.

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