Interview mit dem Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime

Islam ist modern, Steinzeit-Glaube wird abgelehnt

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Aiman Mazyek
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Aiman Mazyek ist gefragt: Der Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime streitet mit Frank Plasberg, demonstriert mit Angela Merkel und ist bei Podiumsdiskussionen zu hören. Eins seiner Anliegen: Salafismus hat nichts mit dem modernen Islam zu tun. Von Axel Grysczyk 

Herr Mazyek, stimmt es, dass islamische Religionszugehörigkeit und fehlende Sprachkenntnisse die eigentlichen Probleme bei der Integration in Deutschland sind?

Es scheint derzeit so, dass der Islam durch die ständigen negativen Berichte nur als Problem wahrgenommen wird. Dabei ist es eigentlich ganz anders. Ein guter Moslem setzt sich für die Gesellschaft ein, er zeigt Zivilcourage und er ist ein loyaler Bürger. Bei der Sprache ist ganz klar: Wer die Sprache nicht beherrscht, hat keine Möglichkeit zur Teilhabe in unserem Land.

Was muss besser werden, um Integration in Deutschland besser gelingen zu lassen?

Ich fände es gut, wenn nicht immer die Schwierigkeiten thematisiert würden, sondern die Möglichkeiten und Chancen im Mittelpunkt stünden. Weiterhin setze ich mich für eine Kultur der Anerkennung und des Respekts ein. Ein Beispiel: Unter den Muslimen in Deutschland sind viele Türken, die hergekommen sind und mit für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg gewirkt haben. Sie haben sich auf deutschen Baustellen den Rücken krumm gemacht und in deutschen Gruben die Lunge ruiniert. Das verdient Anerkennung und Respekt.

Ist diese Anerkennung nicht auch deswegen ausgeblieben, weil der Mehrheitsbevölkerung immer gesagt wurde, die Türken sind nur eine Weile da und gehen auch wieder?

Absolut richtig und auch die Türkei hat viele Jahre das gleiche falsche Lied gesungen. Das war politisch falsch. Es ist aber wie Max Frisch gesagt hat: „Wir haben Arbeiter gerufen, es sind aber Menschen gekommen“. Und ich ergänze: Die auch bleiben.

Wann haben Sie sich in jüngster Vergangenheit in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt?

Wenn Terroristen bestialische Morde begehen und dabei laut rufen, sie tun das im Namen Allahs oder für den Islam. Und das Allerschlimmste: Wenn sie das dann filmen und auf Youtube stellen. Das sind Menschen mit einem kaputten, zerstörten Geist.

Warum stehen junge gewaltbereite Männer gerade so auf den Islam?

Dieser ganze Neo-Salafismus ist nur ein Deckmantel, das hat mit meiner Religion rein gar nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Gegenkultur, die es auch in früheren Generationen gab, schauen Sie sich den Linksterrorismus in Deutschland der 70er Jahre oder die Punkbewegung an. Man ist gegen etwas und will anders sein, und ein paar wenige übertreiben es dann völlig. Meistens gibt es ein stark vereinfachtes Schwarz-Weiß-Schema: Wir sind die Guten, das sind die Schlechten. Ähnlich wie die Neo-Salafisten derzeit behaupten, sie seien die Gläubigen, und der Rest nichts wert, weil das die Ungläubigen seien. Damit brüskieren sie die ganze Religion.

Was sagen Sie Leuten, die behaupten, dass sich die Vertreter der Muslime stärker gegen diese Neo-Salafisten stellen müssten?

Das stimmt einerseits. Man kann immer mehr tun. Andererseits haben wir mit der Mahnwache in Berlin nach den Anschlägen von Paris ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Mahnwache ist von sechs TV-Sendern live übertragen worden, unser Statement ist somit von zirka zwölf Millionen Fernsehzuschauern wahrgenommen worden. Wir haben aber auch schon davor Friedenskundgebungen in Moscheen und Kirchen abgehalten.

Muss sich der Islam modernisieren?

Der Islam ist modern und sehr dynamisch. Es geht um diesen Steinzeit-Islam, den die allermeisten Muslime ablehnen. Da sind Terroristen am Werk, die Antwort muss eine politische sein. Der Nährboden für den Extremismus muss trocken gelegt werden, das heißt, das Unrecht muss beseitigt werden.

Was ist Ihr größter Wunsch für das Jahr 2015?

Es ist schon tragisch: Die gleiche Frage hat mir ein Reporter aus meiner Heimatregion zu Beginn des Jahres gestellt. Damals habe ich gesagt, ich wünsche mir einen Friedensmarsch nach Berlin. Daran sollten alle Religionen teilnehmen und somit Brücken bauen. Mit der großen Mahnwache in Berlin hat es Vergleichbares nun im Januar schon gegeben. Der Anlass – die Anschläge in Paris – war natürlich ein sehr, sehr trauriger. Trotzdem: Ich wünsche mir einen großangelegten Friedensmarsch mit einem klaren Bekenntnis für Versöhnung und Freiheit und gegen Extremismus.

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Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

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