Intensivtherapie im Urlaubsparadies

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Dr. Renate Engfer vom Klinikum Offenbach hält einen der von den Patienten gestalteten Bildbände in der Hand.

Offenbach – Mallorca ist die Urlaubsinsel der Deutschen. Millionen von Touristen stillen dort jedes Jahr ihren Hunger nach Sonne und Meer. Auch Dr. Renate Engfer, Leiterin der Psychiatrie-Tagesklinik am Klinikum Offenbach, gehört dazu. Sie reist allerdings mit ihren Patienten. Von Norman Körtge

Das bunte All-inclusive-Bändchen an ihrem Handgelenk war für Ulrike Klein sowohl Erinnerung als auch Mahnung zugleich. Zum einen Erinnerungen an Sonne, Strand, Meer und wunderschöne Landschaften auf Mallorca, zum anderen Mahnung, sich nicht mehr durch Ritzen selbst zu verletzen. „Jedes Mal, wenn ich in Versuchung gekommen bin, habe ich das Bändchen gesehen und mich zurückgehalten. Für mich ist nach Mallorca vor Mallorca“, erzählt die Offenbacherin. Denn Klein möchte die von der Psychiatrie-Stiftung Offenbach finanzierte Gruppenreise auf die Mittelmeerinsel nicht einfach so geschenkt haben. Sie will sie sich verdient haben. Und dazu gehören eben jene mit ihrer Therapeutin Dr. Renate Engfer gefassten Zielvereinbarungen wie etwa das Nicht-Ritzen.

Auf den ersten Blick kurios

Engfer weiß, dass das Reise-Angebot der Psychiatrie-Stiftung auf den ersten Blick kurios erscheint. Aber sie beschreitet damit einen neuen Weg. Denn obwohl es immer mehr psychisch Kranke gibt, haben diese Menschen keine Lobby. „Für alle möglichen Kranken und Behinderten werden professionelle Reisen angeboten. Für psychisch Kranke aber nicht“, berichtet sie. Dabei dienen die Gruppenreisen nicht nur der Erholung, sondern sie sollen das Selbstwertgefühl der Patienten stärken.

Deshalb soll es auch kein Null-Acht-Fünfzehn-Trip ins Offenbacher Umland, sondern ein Reise nach Mallorca mit größtmöglicher Schön-Wetter-Garantie und einem noblen Hotel mit All-inclusiv-Angebot sein, das sich ihre Patienten finanziell gar nicht leisten könnten. „Sonne, Wärme und die unendlich erscheinende Weite beim Blick aufs Meer hilft gerade diesen Menschen“, berichtet Engfer von ihren Erfahrungen. Auch fördere die Gruppen-Reise mit bis zu zehn Patienten und zwei Therapeuten die soziale Kompetenz.

Trotz Platzangst in den Flieger

Das kann vor allem Günter Müller aus Dietzenbach bestätigen. Seine Platzangst, die Furcht vor fremden Räumen und Plätzen, hat ihn krank gemacht. Scheidung, Jobverlust, sozialer Rückzug. „Die Reise war ein Abenteuer-Trip. Eine hammerharte Erfahrung“, beschreibt er sein Empfinden. Alleine die Tatsache, sich in ein Flugzeug setzen zu müssen, bedeutete für Müller eine große Herausforderung. „Ich muss meine Ängste annehmen“, hat er gelernt. Und da die Reiseteilnehmer nicht nur miteinander reisen, sondern sich auch gegenseitig helfen, Rücksicht nehmen und aufeinander aufpassen müssen, wächst eben wieder jene so wichtige Kompetenz. „Auf Mallorca ist es leichter, auf all seine Fehler hingewiesen zu werden“, fasst es Klein zusammen.

Manches Rezept gespart

Engfer bezeichnet den Urlaub daher auch als zehntägige Intensivtherapie. „Man lernt seine Patienten in einem ganz anderen Umfeld kennen“, sagt sie. Das Erleben des ganz Besonderen nehmen sie dann auch mit in den Alltag. „Wenn es uns schlecht geht, dann schauen wir einfach den Bildband mit den Fotos von Mallorca an“, berichtet Müller: „Das hat schon so manches Rezept gespart.“

Mehr Infos zur Arbeit der Stiftung unter (069) 84054225 oder www.psychiatrie-stiftung-offenbach.de

Bericht von Ulrike Klein: Was bringt mir ein Urlaub auf Mallorca?

Wenn ich weiß, dass ich mit in den Urlaub darf, dann freue ich mich wie ein kleines Kind, bin ungeduldig und kann es kaum erwarten, je näher der Tag des Abfluges rückt. Doch bis dahin muss ich immer viel lernen und an mir arbeiten. Ich darf nicht „einfach nur so“ mit. Es sind Auflagen damit verbunden, die ich entweder gestellt bekomme, oder die ich mir selbst auferlege. Das ist gut so, denn ich weiß, dass ich noch viel lernen muss und es ja auch möchte. Es ist halt nur sehr schwer und oft gehen die Schritte auch wieder in die falsche Richtung. Teilweise ist es schwer und schmerzhaft und mit vielen Tränen verbunden. Aber ich weiß, dass ich nicht aufgeben darf und kann. Und mit der ganzen Hilfe, die ich bekomme, geht es auch immer wieder weiter. Immer ist da die Hand, die mich führt und leitet. Die mich hält und mir sagt, dass ich nicht alleine bin.

Ich bin ein Einzelgänger

Segltörn vor Mallorca.

Auf Mallorca selbst warten die nächsten Schwierigkeiten, denn ich bin ein Einzelgänger, überwiegend alleine. Ich brauche zwei Tage, um mich in die Gruppe zu integrieren. Ich muss akzeptieren, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin und muss lernen, dass andere auch Bedürfnisse haben und dass Aufmerksamkeit gleichmäßig verteilt wird. Auf Mallorca lerne ich, dass es viele Dinge gibt, die man essen kann; dass mein Verhalten den anderen gegenüber oft falsch ist; dass mein Mund schneller als das Hirn ist. Es ist peinlich und mehr als unangenehm, auf alle Fehler hingewiesen zu werden. Ich begehe sie nie absichtlich, es „passiert“ einfach. Natürlich muss ich weinen, wenn ich wieder etwas falsch gemacht habe, aber es ist gut, dass ich darauf hingewiesen werde.

Solche Fehler sind aber erst erkennbar, wenn man länger mit jemandem zusammen ist, wenn man über Stunden und Tage mit jemandem zusammen lebt. Erst dann, wenn dich wirklich jemand in allen Situationen erlebt, werden die Fehler erkannt und erst dann kann auch daran gearbeitet werden – egal, wie schlimm es auch ist. Auf Mallorca ist es leichter, auf all die Fehler hingewiesen zu werden. Es ist weit weg von zu Hause, es ist ein anderes Leben. Auf Mallorca finde ich Halt in der Sonne, der Wärme, dem Strand, dem Meer und in einem Teil der Gruppe. Es ist schön, Freunde zu haben. Es ist schön, dass die Freunde zum Teil das Gleiche empfinden. Es ist schön, dass die Freunde wissen und kennen, was man fühlt.

Mallorca ist so weit weg von zu Hause, dass das Zuhause nicht mehr existiert. Du „verschwindest“ mit Deiner Vergangenheit und wenn man wieder in Offenbach ist, dann ist da eine ganz andere Vergangenheit. Eine Vergangenheit mit vielen Dingen, die man sich niemals in Offenbach (zu-)getraut hätte. Man wird ein wenig stolz, denn man bekommt gesagt, dass man da was „besonderes“ gemacht hat. Ich versuche, es nicht nur für andere, sondern auch für mich zu machen. Ich will beweisen, dass ich mir die Zeit auf Mallorca wirklich „verdient“ habe.

Nach Mallorca ist vor Mallorca

Ich möchte nicht nur einfach etwas so bekommen. Man muss für alles arbeiten. Natürlich bin ich traurig, dass dieser Mallorca-Urlaub schon wieder Vergangenheit ist und es ist auch nicht einfach, wieder alleine zu sein, die Nähe nicht mehr zu haben, aber das ist kein Grund aufzugeben. Es warten neue Aufgaben, neue Dinge, die ich lernen muss, und noch mehr Dinge, die ich vertiefen muss, an denen wir dran bleiben müssen. Ich möchte, dass ein ordentlicher Mensch aus mir wird und da ich weiß, dass ich auch weiterhin die Hilfe bekomme, die ich brauche, werde ich im kommenden Jahr wieder einen Schritt näher an dieses Ziel heran kommen. Nach Mallorca ist vor Mallorca, egal, wann es sein wird.

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