Interview mit dem Präsident der Landesärztekammer Hessen

Immer weniger Ärzte wollen aufs Land

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Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Arzt in ländlichen Gebieten niederzulassen. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen erklärt, warum kein Arzt mehr auf dem Land arbeiten möchte und was den Medizinern von heute wichtig ist. Von Dirk Beutel 

Es heißt, junge Ärzte scheuen die Selbstständigkeit und wollen die Vielfalt der Stadt. Wie kann da der ländliche Raum denn überhaupt mithalten?

Von den unterschiedlichen Rahmenbedingungen in Stadt und Land sind keineswegs nur junge Ärzte betroffen, sondern Angehörige der unterschiedlichsten Berufsgruppen, seien es nun Ingenieure, Lebensmittelhändler, Juristen oder Bäcker. Sicherlich ist es schwierig, eine Vergleichbarkeit der Angebote der Lebensräume zu erreichen. Dennoch sind Politik und Gemeinden gefordert über Lösungswege nachzudenken, wie Leben und Arbeiten auf dem Land attraktiver gestaltet werden kann. Und zwar für alle Menschen in allen Berufe und damit auch für Ärzte. Ein wichtiger Faktor ist die Verbesserung der Infrastruktur: Das betrifft die Verkehrsanbindung ebenso wie ein möglichst breitgefächertes Angebot an Kindergärten, Schulen und Ausbildungsplätzen für junge Menschen. Das Ausgehangebot kann nur ein Überbegriff für soziales Umfeld, kulturelles Angebot und Kommunikation mit Familie, Freunden und Gleichgesinnten sein. Es ist sowohl im individuellen Anspruch als auch in den Regionen sehr unterschiedlich. Insgesamt könnte das Angebot auf dem Land überschaubarer als in der Stadt sein, andererseits vermögen ländliche Regionen mit eigenen Vorteilen wie zum Beispiel Nähe zur Natur und weniger Hektik als in der Großstadt zu punkten. Hier bedarf es unter anderem eines guten Standortmarketings.

Gibt es weitere Gründe für den Landarztmangel?

Das finanzielle Risiko, das junge Ärzte durch eine Niederlassung in eigener Praxis auf sich nehmen, muss sich lohnen. Wenn die Bevölkerungszahlen in einem ländlichen Gebiet immer weiter sinken, sehen die Perspektiven der Praxis ungünstig aus.

Laut eines Gutachtens des Gesundheitsforschungsinstituts Iges locken sogar höhere Honorare junge Mediziner nicht aufs Land. Was ist den Nachwuchsärzten denn heute wichtig?

Dazu müssten die Betroffenen eigentlich selbst Auskunft geben. Befragungen, die die Landesärztekammer Hessen unter Medizinstudierenden und angehenden Ärzten gemacht hat, haben gezeigt, dass für junge Menschen im Arztberuf die Vereinbarkeit und Beruf und Privatleben, vor allem der Familie, von besonderer Wichtigkeit ist. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Das Bild vom rund um die Uhr arbeitenden Arzt, dessen Frau für die Kinder sorgt und eventuell in der Praxis mitarbeitet, gehört der Vergangenheit an. Beide Geschlechter möchten Freude am Beruf haben und diesen zu Arbeitszeiten ausüben, die ihnen auch ein erfülltes privates Dasein ermöglichen. Viele junge Ärzte mit Familie sind in Teilzeit tätig, arbeiten in einer Gemeinschaftspraxis oder als Angestellte im Krankenhaus oder Praxis mit geregelten Arbeitszeiten.

Gibt es einen Unterschied in der Versorgung zwischen Hausärzten und etwa Spezialisten wie Urologen oder Orthopäden? Und wenn ja, warum ist das so?

Grundsätzlich betrifft der Ärztemangel auf dem Land und in strukturschwachen Regionen Hausärzte und andere Facharztgruppen. Besonders betroffen sind beispielsweise Augenärzte und Gynäkologen.

Wie kann man der ungleichen Verteilung Ihrer Einschätzung nach Herr werden? Welche Stellschrauben müssten bewegt werden?

Hier gibt es keine Patentrezepte. Wichtig ist, wie oben bereits ausgeführt, dass die infrastrukturellen Bedingungen im ländlichen Bereich verbessert werden. Auch Ärzte selbst sind aktiv und entwickeln Ideen dafür, wie die Versorgung in ländlichen Gebieten aufrecht erhalten werden kann. So werden mancherorts wechselnd Sprechstunden von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen angeboten oder mobile Arztpraxen eingerichtet. Doch nicht die Ärzte allein sind für die flächendeckende Versorgung verantwortlich. Die Gesellschaft, beziehungsweise das Gemeinwesen muss, wenn es einen Anspruch auf die Versorgung erhebt, nicht nur fordern, sondern auch den Boden bereiten und damit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Versorgung auch stattfinden kann.

Welche Maßnahmen müsste man bereits im Medizinstudium ergreifen, um mehr junge Mediziner aufs Land zu holen?

Erfahrungen vor Ort eignen sich gut, um bei dem ärztlichen Nachwuchs das Interesse an einer späteren Tätigkeit im ländlichen Bereich oder eben in strukturschwachen Gebieten zu wecken. Wer während seines Medizinstudiums im praktischen Jahr Einblicke in eine Landarztpraxis gewinnt, lernt, den engen Kontakt zum Patienten früh zu schätzen. Auch Studienangebote wie Workshops zur landärztlichen Tätigkeit können unterstützend wirken. Ganz allgemein gilt: Um künftig genügend Ärzte für die Patientenversorgung in der Stadt und auf dem Land zu haben, brauchen wir mehr ärztlichen Nachwuchs – sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Deshalb ist es dringend erforderlich, mehr Medizinstudienplätze einzurichten und die Zugangsbedingungen für das Medizinstudium an staatlichen deutschen Universitäten zu erleichtern.

Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer, forderte im Kampf gegen den Ärztemangel mehr Möglichkeiten der ärztlichen Zusammenarbeit auf dem Land. Wie könnte dies in der Praxis für den Patienten aussehen?

Ärztliche Zusammenarbeit auf dem Land oder in strukturschwachen Gebieten bedeutet, dass die Arbeit von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten noch mehr als bisher Hand in Hand gehen sollte. So könnten bei Bedarf etwa niedergelassene Fachärzte neben ihrer Praxis ärztliche Tätigkeiten in Krankenhäusern übernehmen. Für den Patient bedeutet dies, dass beispielsweise die Nachuntersuchung bei einer Operation von einem niedergelassenen Arzt vorgenommen wird.

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