Alleine, fremd, aber motiviert

Immer mehr minderjährige Flüchtlinge stranden in Frankfurt

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Endstation Hoffnung: Viele minderjährige Flüchtlinge wollen in Deutschland ein neues Leben beginnen.

Region Rhein-Main - Sie sind alleine, haben tausende Kilometer hinter sich, um in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Weil sie eine spezielle Betreuung brauchen, stellen sie viele Kommunen vor schwierige Aufgaben. Von Dirk Beutel

Die Bundespolizei verzeichnet seit Januar in Frankfurt einen massiven Anstieg der Flüchtlingszahlen. Insbesondere der Hauptbahnhof sticht dabei heraus. Bis Juni wurden insgesamt 1685 Flüchtlinge registriert, die dort gestrandet sind. Laut Bundespolizei ist das ein Anstieg von 127 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der größte Anteil von ihnen kommt aus Afghanistan und Syrien. „Nach einer ersten Befragung stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil von unbekannten Schleuserorganisationen über die Türkei, Bulgarien, Serbien und Österreich bis nach Frankfurt gebracht wurden“, verrät die Bundespolizei in einer Mitteilung. Der Frankfurter Flughafen spielt praktisch keine Rolle. Die Kosten für die Flucht per Flugzeug sind für viele zu hoch, außerdem gilt oft Visapflicht. Unter den Flüchtlingen finden sich immer mehr unbegleitete Jugendliche. Allein nach Hessen sind von Januar bis Juni fast 1400 gekommen.

Schon fast 900 Jugendliche in diesem Jahr in Frankfurt

In der ersten Jahreshälfte 2014 waren es nur 560 Kinder und Jugendliche. Sie reisen alleine, ohne Familie oder sonstige Angehörige. Alles was sie wollen, ist ein neues Leben beginnen. In Frieden und ohne Angst. Doch die Jugendlichen stellen die Behörden vor eine immer größer werdende Herausforderung: Werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge entdeckt, werden zunächst Basisinfomationen erfragt. Name, Alter, Herkunft und wo die Eltern geblieben sind. Danach übernimmt das Jugendamt die Verantwortung für sie: „Die Jugendlichen kommen in Einrichtungen, die freie Träger der Jugendhilfe betreiben. Perspektivisch werden die Jugendlichen auf die hessischen Landkreise und Kommunen verteilt. Der Schlüssel für die Verteilung wird vom Regierungspräsidium Darmstadt vorgegeben“, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin des Frankfurter Sozialdezernates. Bislang sind im ersten Halbjahr in Frankfurt 869 minderjährige Flüchtlinge erfasst worden. Zum Vergleich: 2013 waren es nur 539, im kompletten vergangenen Jahr 987.

Jugendliche brauchen pädagogische Betreuung

Institutionen wie die Arbeiter Wohlfahrt (AWO) nehmen die Kinder und Jugendlichen in sogenannte Erstaufnahmeeinrichtungen auf. Wenn dort alle Fragen zur Person geklärt wurden, werden sie in betreute Wohngruppen verlegt. „Viele der Minderjährigen bleiben hier und gehen auf die Schule, bis zum Universitätsabschluss. Die sind unglaublich motiviert und dafür müssen sie entsprechend pädagogisch gefördert werden“, sagt Susanne Magnus, Sprecherin der AWO Hessen-Süd. Aber: „Man kann diese Kinder und Jugendlichen nicht einfach so verteilen, weil sie eine spezielle Betreuung benötigen. Das Kindeswohl steht über allem.“ Doch nicht jede Kommune kann sich eine solche Betreuung leisten. Viele seien damit überfordert, wie der „Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (UMF) mitteilt: „Die steigende Zahl von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen stellt viele Kommunen vor Herausforderungen. Geltende Standards der Kinder und Jugendhilfe werden oft nicht eingehalten.“ Die Einführung einzelner Aspekte, wie die diskutierte quotale Verteilung der Jugendlichen, würden das Dilemma der Kommunen nicht lösen und eine Einhaltung der Kinderrechte nicht garantieren können, so der UMF

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