Experten erwarten Epidemie

Nicht immer zu dick: Immer mehr Kinder haben Diabetes

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Kinder, die unter Diabetes leiden, müssen auf die heißgeliebten Süßigkeiten verzichten.

Region Rhein-Main – Diabetes breitet sich wie eine Epidemie aus: Vor allem unter Kindern. Aus einer Alterskrankheit ist die Wohlstandskrankheit der Neuzeit geworden. Die Zahlen steigen weiter. Von Angelika Pöppel 

Diabetes ist die Alterskrankheit – von wegen! Rund 25.000 Kinder unter 19 Jahren leiden in Deutschland an der Zuckerkrankheit, laut aktuellem Deutschem Gesundheitsbericht aus dem Jahr 2010. Und es werden immer mehr. Experten sprechen sogar von einer Diabetes-Epidemie. Auch Diabetologe Michael Simonsohn  aus Frankfurt bestätigt, dass die Patienten immer jünger werden. „Diabetes Typ zwei ist heute eine Wohlstandskrankheit, die vor allem durch Fettleibigkeit und zu wenig Bewegung ausgelöst wird“, sagt der Experte. Da laut Statistik doppelt so viele Kinder in Deutschland fettleibig sind, als noch vor zehn Jahren, nehmen die Neuerkrankungen auch jährlich um rund 200 zu. Ganz nach dem Vorbild Amerika ist in Deutschland Übergewicht die häufigste chronische Krankheit im Kindesalter. In den vergangenen Jahren haben sich die Neuerkrankungen bei Jugendlichen laut Gesundheitsbericht sogar verfünffacht.

Verdopplung der Fälle bis 2020 erwartet

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Doch nicht immer sind Kinder dick, die an Diabetes leiden. So wie die neunjährige Katharina aus Bad Soden. Sie leidet unter dem Diabetes Typ eins: Kinder kommen schon mit einer Fehlfunktion der Bauchspeicheldrüse zur Welt, dadurch kann der Körper selbst kein Insulin produzieren, dass Zucker abbaut. Dieser Typ wird als genetisch bedingt bezeichnet, allerdings ist sie in der Familie die einzige, die unter dieser Fehlfunktion leidet. „Die Ärzte haben dafür keine Erklärung, aber sie ist kein Einzelfall“, sagt Mutter Franzi Schmitz. Der Typ eins macht in Europa den Großteil der Erkrankungen unter Kindern aus und ist ebenfalls weiter auf dem Vormarsch: Ärzte erwarten sogar eine Verdopplung der Fälle bis 2020 bei Kindern unter fünf Jahren. Auch Fälle in denen es keine genetische Vorbelastung gibt, steigen weiter an.

„Die Krankheit fegt wie ein Tsunami über Deutschland und den Rest der Welt“, sagt Simonsohn. Doch das Thema werde dennoch nicht ernst genommen. Das Problem sei: „Diabetes tut nicht weh“, erklärt der Experte. Die möglichen Folgeerkrankungen, wie Schlaganfälle und Herzinfarkte sind allerdings umso drastischer.

Erkrankung auch ohne genetisches Erbe und Übergewicht

Und scheinbar wissen noch zu Viele zu wenig über die Krankheit: „Es steckt mehr dahinter als viele glauben. In vielen Nächten muss ich alle drei Stunden Zucker messen, weil ich eine Unterzuckerung gar nicht mitbekommen würde. Vor Klassenarbeiten und dem Sportunterricht muss ebenfalls gemessen werden, deshalb muss sie speziell betreut werden – auch in der Schule“ , sagt Franzi Schmitz. Klassenfahrten sind deshalb für die Neunjährige tabu – außer ihre Mutter fährt mit. „Und das ist auch nicht so einfach. Ich musste richtig dafür kämpfen. Und Verständnis hat dafür niemand“, so Schmitz. Denn Viele glauben, sie wolle ihre Tochter nur bemuttern – dabei geht es um Leben und Tod. „Ich erinnere mich noch genau: Es war an einem Mittwochabend im Sommer als meine Tochter plötzlich völlig weggetreten war und ich erstmal nicht wusste wieso“, erzählt Schmitz. Es stellte sich heraus, dass beim Spritzen des Insulins in den Bauch, kleine Beulen entstanden sind, in denen sich das Insulin angesammelt hatte. Dieses wurde auf einen Schlag freigesetzt und die Bad Sodenerin musste sofort ins Krankenhaus.

Mittlerweile hat sich die Mutter an die Situation gewöhnt, hat gelernt Kohlenhydrate zu zählen, täglich viermal zu messen. Doch vor vier Jahren war die Diagnose für sie ein echter Schock: „Ich habe tagelang nur geweint“, erinnert sich die Mutter. Immer hatte sie sich gewundert, dass ihre Tochter ständig müde ist. Übergewicht hatte Katharina nie.

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