Oma im Koma

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Alkohol ist für viele Senioren ein scheinbarer Ausweg, um aus der Einsamkeit zu entkommen.

Taunus – Nicht nur Jugendliche schießen sich mit Alkohol regelmäßig die Lichter aus. Jetzt saufen auch die Senioren. Die Zahlen sind sprunghaft angestiegen. Einer der Gründe: Sie betäuben ihre Einsamkeit, ist sich die Frankfurter Suchtforscherin Irmgard Vogt sicher.Von Christian Reinartz

Einsamkeit, Verzweiflung, Depressionen – viele Senioren im Taunus greifen zur Flasche. Doch immer öfter wird aus einem kleinen Umtrunk gefährliches Komasaufen. Die Zahl der Rentner, die wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, steigt stetig an. Besonders betroffen: Die 85- bis 90-jährigen. Laut Bundesamt für Statistik sind die Zahlen in dieser Altersgruppe 2009 explodiert. Knapp 32 Prozent beträgt hier die Steigerung an Alkoholleichen. Ähnlich ist es bei 70- bis 75-Jährigen. Anstieg: 15 Prozent. Die Statistiker gehen davon aus, dass allein im Taunus an die 90 Senioren in die Kliniken eingeliefert wurden, weil sie sich in die Besinnungslosigkeit getrunken hatten. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn die Statistik berücksichtigt nur stationär aufgenommene Patienten. Und ein Ende des Trends ist offenbar nicht in Sicht.

Unglück als Grund fürs Trinken

Irmgard Vogt

Jochen vom Telefondienst der Anonymen Alkoholiker kennt solche Fälle. „Die kennen keine Grenze mehr“, erklärt der trockene Alkoholiker: „Es ist ja auch keiner mehr da, der sich beschwert, wenn einer am nächsten Morgen noch blau ist.“
Den Grund für die Sauf-Exzesse im Alter sieht die Frankfurter Suchtforscherin Professorin Irmgard Vogt in den Lebensumständen: „Diese Menschen sind unglücklich“, erklärt sie.
Vogt hat jahrelang an der Frankfurter Fachhochschule gelehrt und gilt als Expertin für Süchte im Alter. Oft fühlten sich die Betroffenen nach einem erfolgreichen Arbeitsleben unnütz und werden damit nicht fertig. Dazu komme die immer mehr um sich greifende Einsamkeit, die Abwendung der Familie, so Vogt: „Alkohol ist für die Betroffenen ein scheinbarer Ausweg.“

Dass die Sauferei immer häufiger eskaliert, erklärt sie sich so: „Die Menschen kommen aus einer Generation, in der seit jeher viel Alkohol konsumiert wurde. Doch ein alter Körper verträgt nicht so viel wie ein junger.“ Dazu kämen regelmäßig eingenommene Medikamente. Vogt: „In Verbindung mit Alkohol verstärken sie dessen Wirkung und hauen einen um.“ Sind die Rentner erst im Alkoholsumpf, finden sie nicht mehr hinaus. „Nur speziell auf Senioren zugeschnittene Anlaufstellen können da helfen“, sagt Vogt: „Aber sowas gibt es hier nicht.“ Zu gering ist offenbar das Interesse der Öffentlichkeit.

Jochen ist überzeugt: „Viele könnten länger leben, wenn sie sich nicht auf den letzten Metern kaputt saufen würden.“

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