Bei ihr läuft´s!

Ilse Steinhäußer wandert jede Woche – seit 1929!

Frankfurt – Ilse Steinhäußer hat bereits 80 Jahres-Wanderabzeichen eingeheimst. Die heute 88-Jährige hat 1284 offizielle Vereins-Wanderungen hinter sich. Erst als sie 1944 bei einer Wanderung von Tieffliegern angegriffen wurde, hat sie eine Pause eingelegt. Von Axel Grysczyk 

„Man hatte mir so eine Art Sänfte aus Leinentüchern gebaut“, sagt Ilse Steinhäußer. Die Beschreibung jenes Frühlingstages kennt sie nur aus den Schilderungen ihrer 1997 96-jährig verstorbenen Mutter. In jener Sänfte lag sie als Dreijährige und ging zusammen mit ihrer Familie auf Wanderung. Vorne weg ihr Vater Peter Steinhäußer, der damals als Wanderwart für den Frankfurter Pfälzerwaldverein fungierte. Es war das Jahr 1929.

Auch wenn sie damals noch getragen wurde, es war ihre allererste Wanderung. Schon 1931 – da war sie fünf Jahre alt – erwarb sie das erste Jahresabzeichen. Dafür müssen Wanderer an mindestens neun offiziellen Wanderungen des Pfälzerwaldvereins im Jahr teilgenommen haben. Bis jetzt ist diese Zahl auf 1284 Wanderungen angestiegen. „Das sind aber nur die offiziellen Pfälzerwald-Wanderungen. 184 Wanderungen habe ich als Wanderführerin selbst geleitet. Dazu kommen noch die unzähligen Privat-Wanderungen“, sagt die topfitte 88-Jährige. Von 1961 an ist sie bis vor drei Jahren jedes Jahr in die Schweiz gefahren. Erwandert hat sie zahlreiche Hütten rund um Zermatt, Saas Fee, Grindelwald oder Lenzerheide. Auch wenn sie sich selbst als Bergwanderin bezeichnet, hat sie nebenher namhafte Alpengipfel wie den Ortler (3905 Meter) oder den Großglockner (3798 Meter) bestiegen. „Das war Ende der 50er Jahre, als die Gletscher noch ganz anders ausgeprägt waren“, erklärt sie.

Rekord aufgestellt

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Steinhäußer erinnert sich, wie sie im Rock mit einem Brotbeutel zur Hand durch die Alpen streifte oder mit langen Zöpfen im Jahr 1934 beim Umzug der Naturschutzvereine auf der Frankfurter Kaiserstraße mitmachte. „Wir waren zahlreiche Kinder, das hat mir immer Spaß gemacht. Die Gemeinschaft und der Frohsinn – das lässt mich heute noch wandern“, sagt die ehemalige kaufmännische Angestellte. Darüber hinaus entstand eine innige Bindung zu ihrem Verein. „Wenn eine Wanderung angesetzt ist, bin ich dabei. Da gibt es keine Ausreden – von wegen schlechtes Wetter oder so“, sagt sie. Seit 1980 ist sie Vorsitzende des Vereins. Es ist das Vermächtnis ihres Vaters, der den Verein nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufbaute. Der Vater starb bereits 1937. „Ich bin noch bis 2017 als Vorsitzende gewählt, dann will ich aber kürzer treten“, sagt sie.

Denn die Wanderin der Superlative verheimlicht nicht, dass sie mit ihren 88 Jahren etwas langsamer machen muss. Seit sie 86 Jahre alt ist, nimmt sie nur noch an den Leichtwanderungen ihres Vereins teil. Die führen lediglich über sechs bis acht Kilometer. „Seit zirka zwei Jahren habe ich Probleme mit der Luft, wenn’s bergauf geht. Solange es eben bleibt, habe ich aber keine Schwierigkeiten.“

Jüngst hat die Grande Dame des Wanderns einen weiteren Rekord aufgestellt. Sie wandert aktiv mit jährlichem Abzeichen seit 80 Jahren. Das Problem: Für diese Leistung ist im Pfälzerwaldverein mit seinen 230 Ortsgruppen keine Ehrung mehr vorgesehen.

Wegen Krieg Wanderung unterbrochen

Dass Ilse Steinhäußer nicht schon längst die 80 Jahre Wanderabzeichen überschritten hat, liegt an den Wirren des Krieges. Bis ins Jahr 1944 hinein konnte – unter zahlreichen Erschwernissen – ein Wanderprogramm aufrechterhalten werden. Steinhäußer: „Als wir dann aber im September auf der Offenbacher Rosenhöhe unter Fliegerbeschuss gerieten, haben wir es eingestellt.“ Schon 1947 ging’s weiter.

Gebrechen hat sie keine. Das Wandern halte sie fit. „Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich geheiratet und Kinder bekommen hätte. Aber ich habe den Richtigen nicht getroffen, und dann bin ich im Pfälzerwaldverein immer weiter wandern gegangen“, erzählt sie.

An diesem Sonntag ist sie um Wixhausen unterwegs. Die Wanderung – zu der 20 bis 40 Teilnehmer erwartet werden – geht über elf Kilometer. Steinhäußer: „Die Strecke verläuft in der Ebene, das schaff ich locker.“

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