An den Hüften trägt man heute Gummi

Von Christian ReinartzKleestadt - Paul-David Rollmann macht aus alten Luftmatratzen, Gummiboten und Lederhäuten Mode.

Vor 13 Jahren hat der heute 34-Jährige Disc-Jockey im kleinen Städtchen Kleestadt zum ersten mal eine orange-blaue Matratze zerschnitten und sich daraus eine Umhängetasche für seine Vinyl-Platten geschneidert, eine "Airbag". Jede ist ein Unikat.

Aus der Geschäftsidee des gelernten Schneiders ist im Lauf der Jahre ein Unternehmen mit zehn Angestellten erwachsen. Aus Rollmanns "Nummer Eins" sind zahlreiche Taschenmodelle geworden, die auch auf der Internationalen Bühne erfolgreich sind. Sie werden in Singapur und London, in Dubai und Wien, in Helsinki und Barcelona verkauft. Ihren Ursprung haben die "Airbags" in der Provinz, nahe Dieburg. Dort entstehen in der alten Kleestädter Dorfschule die unverwüstlichen Taschen.

Im Lager des Unternehmens im Obergschoss der alten Schule bügelt Ivo Krug mit einem überdimensionalen Bügeleisen starre Gummi-Häute glatt. Es ist heiß und dem Mann stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Im Hintergrund stapeln sich auf endlosen Regalen unzählige ausgediente Luftmatratzen in allen Farben, die man sich vorstellen kann. "Da sind welche aus den 70ern dabei", verrät Rollmann und hält eine verwaschene Matratze mit Strandmotiv hoch. Auf der anderen Seite lagern die Gummiboote. Rollmanns Geheimnis sind "Luftmatratzen-Scouts". "Das sind langjährige Freunde, die diese Matratzen zum Beispiel auf Flohmärkten ausgraben und uns schicken." Nach dem Bügeln werden die Häute zugeschnitten und wandern ins Erdgeschoss. Im ehemaligen Klassenraum surren große Industrie-Nähmaschinen. Mit ihnen nähen zwei Schneiderinnen die millimeterdicken Gummistücke zusammen. Zahlreiche weitere Arbeitsschritte sind notwendig, bis aus dem ursprünglichen Abfall-Produkt eine fertige Receycling-Tasche entstanden ist.

Rollmann setzt bei der Herstellung bewusst auf ausgebildete Fachkräfte. "Ich will gute Qualität." Die könne er nur mit guten Arbeitskräften erreichen. "Dann stimmt auch jede einzelne Naht",erklärt der Jungunternehmer und streicht über die Einfassung einer "One-night stunt-Tasche". Die Bänder lässt er eigens anfertigen. Eine andere Kreation hat er "Offenbach" getauft. Auf die Mischung aus Umhänge- und Einkaufstasche aus edlem Leder-Mix ist er stolz.

Dass eine Airbag-Tasche durch die aufwendige Herstellung nicht gerade günstig ist, nimmt er in Kauf. "Auch wenn vielen Händlern das zu teuer ist. Ich mache keine Abstriche und produziere weiterhin hier in Deutschland mit guten Materialien." Dafür könne man sie noch nach Jahren vor Ort reparieren lassen. Etwas über hundert Euro muss man bei ihm für eine große "Airbag" anlegen. Was man dafür bekommt, ist eine Tasche fürs Leben.

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