Frankfurter Nordafrika-Expertin sieht große Unterschiede zwischen Protestbewegungen

Hoffen auf den Arabischen Frühling

Frankfurt – Frustration, Demonstration, Revolution: Die Meldungen aus Arabien überschlagen sich seit ein paar Tagen. Gespannt verfolgt auch Karima El Ouaz-ghari die Lage. Die Politikwissenschaftlerin analysiert die Vorgänge in Nordafrika in ihrer Promotion. Von Andreas Einbock

Seit zwei Jahren forscht die gebürtige Wiesbadenerin mit marokkanischen Wurzeln für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). Ihr Spezialgebiet: Islamistische Oppositionsbewegungen. „Was derzeit in den arabischen Ländern passiert, ist natürlich ein historischer Moment. Aber diese uneingeschränkte Euphorie muss ich etwas bremsen“, sagt El Ouazghari. Auch ein Vergleich mit dem Aufbegehren der DDR-Bürger im Herbst 1989 sei nur in wenigen Punkten angebracht.

„Damals waren auch die eingeschränkten Bürgerrechte und die wirtschaftliche Schieflage die Ursache für die Proteste. Doch in den arabischen Ländern ist der Ausgang dieser Entwicklungen noch weitgehend ungewiss. Außerdem unterscheiden sich die Forderungen der Demonstranten von Land zu Land enorm“, so die Wissenschaftlerin. Während die Ägypter Präsident Mubarak und das gesamt Regime verjagen wollten, würde in Jordanien kaum jemand auf die Idee kommen, den König zu stürzen.

Überrascht habe sie die Dimension der Bewegung. „Dass einmal in einem Land wie Ägypten, das praktisch keine Meinungs- und Versammlungsfreiheit kannte, Bauern neben Akademikern, Christen neben Muslimen, Junge neben Alten und auch Frauen neben Männern demonstrieren, hat selbst viele meiner Kollegen vor Ort absolut erstaunt.“ Doch wie es nun in Ägypten weiter gehe, könne niemand vorhersagen. Vor allem komme es auf die Armee und die Signale aus den USA und von der EU an. „Obwohl Ben Ali, Mubarak und Co lange Zeit enge Verbündete der USA und der EU waren, üben die sich momentan stark in Zurückhaltung“, erklärt die Politologin. Dennoch teile sie nicht die in den westlichen Medien verbreitete Auffassung, dass Mubarak nur ein „Noch-Präsident“ sei. „Ich befürchte, dass er bis zu den Neuwahlen durchhalten wird“, so Wissenschaftlerin. Die eigentliche Arbeit beginne erst danach. El Ouazghari: „Es ist nicht abzusehen, ob es zu einem Arabischen Frühling kommt, der tiefgreifende Reformen mit sich bringt. Klar ist aber, dass es zu den autokratischen Regierungen mehr Alternativen als einen repressiven Gottesstaat gibt.“ Unberechenbar sei, wohin die Opposition der Muslimbruderschaft schwenke.

Eines stehe für sie aber fest: „Diese Entwicklungen werden in die Geschichte eingehen.“

Arabien-Expertin Karima El Ouazghari beschäftigt sich in ihrer Promotion mit den islamistischen Oppositionsbewegungen in den arabischen Ländern. Foto: ane

Kommentare