Mut und Hoffnung bei den Taifun-Opfern

Frankfurter Philippinen-Helfer vom Optimismus der Betroffenen begeistert

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Bernd Eichner deutet auf einer Welt-Katastrophen-Karte auf die Philippinen, über die der Taifun vor einigen Wochen hinwegfegte.

Frankfurt - Die Taifun-Katastrophe auf den Philippinen ist Wochen her, doch noch immer benötigen die Betroffenen Hilfe. Bernd Eichner von der Frankfurter Hilfsorganisation medico international hat mit angepackt und ist vom Optimismus der Einheimischen begeistert. Von Fabienne Seibel 

Welche Bilder haben sich Ihnen während Ihrer Arbeit auf den Philippinen geboten?

Es war alles wirklich drastisch. Wir hatten zwar schon mit großen Zerstörungen gerechnet, doch das Verheerende war die Sturmflut, mit der nicht gerechnet wurde. In den Küstenregionen war das Ausmaß der Zerstörung deshalb eher tsunamiartig. Als wir das sahen, mussten wir erstmal schlucken.

Welcher Moment war für Sie besonders dramatisch?

Wir waren in einem Dorf, das wirklich gespenstisch wirkte. Alle Palmen waren umgeknickt und die Gräber des Dorffriedhofs waren teilweise komplett weggespült worden. Wo sich vorher das Dorf befand, stand nur noch ein schiefes Häuserskelett und ein riesen großer Schutthaufen aus Holzdächern und Häuserresten. Das war sehr beklemmend.

Verglichen mit anderen Katastrophen wie auf Haiti oder dem Tsunami in Thailand: Wie groß ist das Ausmaß der Zerstörung?

Das Ausmaß des Taifuns hat eine andere Dimension als das Erdbeben auf Haiti. Damals gab es zwar etwa 200.000 Tote, jetzt auf den Philippinen wird von grob 10.000 Toten ausgegangen. In Haiti war auch die Hauptstadt betroffen, was die Hilfe erschwert hat. Auf den Philippinen ist dafür ein ganzer Landstrich auf den Inseln weitab der zentralen politischen und sozialen Infrastruktur betroffen. Man fährt stundenlang mit dem Auto die Küste entlang und es gibt kein Haus, auf dem noch ein Dach steht. Das Problem auf den Philippinen sind Dinge, die die Katastrophe Jahre lang nach sich zieht und niemand so recht überblicken kann.

Inwiefern?

Viele Menschen in den betroffenen Regionen leben von der Fischerei oder von Kokosnussplantagen. Durch die Zerstörung fallen diese Lebensgrundlagen weg, denn bis eine Kokosnusspalme wieder gewachsen ist und Früchte bringt vergehen drei bis fünf Jahre.

Worauf kommt es dann beim Wiederaufbau an?

Ein Wiederaufbau ist eine schwierige Sache, bei der viel schief gehen kann. Auf den Philippinen ist die Landfrage ein großes Thema. Bevor es einen vernünftigen Wiederaufbau geben kann, müsste die Regierung die Landreform vorantreiben. Bauern müssen ihr eigenes Land bekommen, wo sie neu anfangen können und von dessen Ernteerwerb sie nicht das Meiste an Großgrundbesitzer abgeben müssen. Die Großgrundbesitzer sollten dafür gute und ungefährliche Flächen hergeben, wo die Dörfer neu aufgebaut werden können.

Wie sah Ihre Arbeit vor Ort aus?

Die Aufgabe unserer Hilfsorganisation lag im organisatorischen Bereich. Wir haben mit unserer philippinischen Partnerorganisation SOS die nächsten Schritte besprochen und uns mit den Leuten unterhalten, um herauszufinden, welche Hilfe konkret benötigt wird. Natürlich geht es nach solch einer Katastrophe auch immer darum, wie es in den kommenden Monaten und Jahren weitergeht, denn eine Katastrophe kommt schnell, doch es dauert lange, bis die entstandenen Probleme behoben sind. Doch die Philippinos sind selbst sehr handlungsfähige Menschen.

Wo wird noch die meiste Hilfe benötigt?

Ein riesen Problem sind immer noch die zerstörten Unterkünfte der Leute. Deshalb ist es wichtig, ihnen Material an die Hand zu geben, um sich Unterkünfte zu bauen. Auch Latrinen sind ein großes Problem, denn das Trinkwasser ist verseucht, weil die ganze Sanitärstruktur zerstört ist. Das nächste Problem wird sein, dass jetzt im Februar die neue Reisaussaat beginnen muss, und wenn man es nicht hinkriegt, dass die Reisbauern bis dahin wieder anpflanzen, geht die nächste Ernte auch verloren.

Wie haben Sie den Umgang der Menschen mit der Katastrophe erlebt? Herrscht Verzweiflung oder gibt es auch Hoffnung?

Es gibt sehr viel gegenseitige Hilfe. In einem Dorf gab es einen Bürgermeister, der beim Taifun seinen kompletten Besitz verloren hat. Sein Haus war zerstört, seine Felder kaputt und seine Büffel verschwunden oder tot. Er war so schwer traumatisiert, dass er tagelang kein Wort redete und auch nicht in der Lage dazu war, irgendetwas zu koordinieren. In diesem Dorf gibt es eine Hebamme, die die Aufgaben des Bürgermeisters übernahm und organisierte, dass die Menschen die Hilfsgüter, die sie brauchen, auch erhalten. Ansonsten ist die Stimmung eher hoffnungsvoll und die Leute wollen wirklich anpacken.

Angesichts der Katastrophe geriet das Vorgehen der philippinischen Regierung mehrfach in die Kritik. Was läuft falsch?

Die Regionen wie Samar und Leyte waren schon vor der Katastrophe vernachlässigte Gebiete. Da wird von der Regierung wenig getan. Die öffentliche Versorgung ist dort generell schlecht. Eine Frau, die in einem Krankenhaus in Tacloban arbeitet, hat uns erzählt, dass es nach dem Taifun vier Tage lang keine Nothilfelieferung der Regierung, keine Medikamente und keine Lebensmittel gab. Das Erste, was die Regierung geschickt hat, waren Polizei und Militär, um die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder herzustellen. Weil die Regierung keine Hilfe bot, kam es überhaupt zu Plünderungen, die es mittlerweile aber nicht mehr gibt.

Gab es trotz des ganzen Elends auch schöne Erlebnisse?

Das, was einem Mut macht, ist die Einstellung der Leute. Sie sind gewillt, alles neu aufzubauen und trotz allen Elends bleiben die Betroffenen optimistisch. Das gibt auch allen Helfern Kraft.

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