Heyke Möller schneidert sich durchs Mittelalter

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Auch diese Maske für den venezianischen Karneval gibt‘s in Dieburg.

Dieburg – Stinkendes Fleisch, Magerkost und Kinderarbeit? „So müssten Mittelaltermärkte eigentlich aussehen, wenn man sie authentisch gestalten wollte“, sagt Heyke Möller. Stattdessen gibt‘s Geschichtsdarsteller in prachtvollen Gewändern. Letztere sind die Leidenschaft von Möller – und inzwischen ihr Metier. Die Dieburgerin verdient als Schneiderin des Mittelalters ihr Geld. Von Jens Dörr

Einerseits ist die studierte Kunsthistorikerin und Theaterwissenschaftlerin seit jeher an Geschichtlichem interessiert; andererseits arbeitete sie nach dem Studium vor allem als Choreografin, Projektmanagerin und Informatikerin – drei Berufsfeldern, die von Minnesängern und Hufschmieden kaum entfernter sein könnten. „Mich interessieren sowohl Computer als auch die Archäologie“, verdeutlicht Möller ihre Vielseitigkeit. Geschichte, HTML-Quelltexte, ihr Hund und ab und zu Aerobic: Das alles kann durchaus zusammenpassen. „Mein Tag hat manchmal 48 Stunden“, sagt sie.

Die 44-Jährige fertigt Kleidung und Accessoires, vor allem aus dem Mittelalter. „Die Renaissance nehme ich aber auch noch mit, das Barockzeitalter nicht mehr so gerne“, lacht die Dieburgerin. Platz für Gewänder, Masken, Bordüren und vieles mehr hat sie seit Oktober mehr als früher: Denn seit diesem Zeitpunkt betreibt Möller einen Laden in der Dieburger Steinstraße. Weil sich immer mehr Passanten die Nase am Schaufenster plattg drückten, habe sie Geschäft draus gemacht. Denn eigentlich war der Laden ohne Öffnungszeiten geplant.

Aussehen wie die Oberschicht im zwölften Jahrhundert

Vor allem Privatpersonen sind es, die sich einkleiden wollen wie die Oberschicht im zwölften Jahrhundert, aber auch einige Künstler. Wer an Fastnacht gehen möchte wie einst Burgherr und sein Fräulein, ist bei der Dieburgerin ebenfalls richtig, kann sich auch einen Umhang oder andere Stücke leihen, findet Zubehör. „Alles sehr hochwertig, das habe ich mir ganz klar auf die Fahnen geschrieben“, sagt Möller. Was nicht immer hohe Preise bedeuten müsse, da es immer abhängig vom Aufwand des Kleidungsstücks ist: Ein ehemaliges Prunkstück, ein Mantel von zwei mal anderthalb Metern, komplett mit der Hand bestickt – dies könne auch mal bis zu einen vierstelligen Euro-Betrag einbringen.

Aber auch deutlich kleinere Budgets finden bei Möller detailgetreue Produkte. Mit denen ist die Schneiderin auf 15 bis 20 Mittelaltermärkten pro Jahr, was wegen des eigenen Ladens allerdings etwas abnehmen dürfte. Auch im Ausland hat sie sich schon umgeschaut und verkauft, war 2009 etwa in England und Norwegen. Kritisch sieht sie die Kommerzialisierung in ihrer Branche: „Es sind fast schon zu viele Märkte, auf denen dann auch Billig-Produkte aus Asien angeboten werden“, moniert Möller. So atmosphärisch schön wie beim Martinsmarkt in Dieburg Anfang November gehe es dann nicht mehr überall zu, sagt sie.

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