Heute vor 30 Jahren: Wer ließ die RAF in Heusenstamm wirklich hochgehen?

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An dieser Stelle soll sich das geheime Erd-Depot der RAF befunden haben, nur wenige hundert Meter hinter der Müllverbrennungsanlage, direkt an der A3.

Heusenstamm – Vor genau 30 Jahren hat der Terror in einem Heusenstammer Waldstück Gestalt angenommen. Zwei junge Frauen suchen den mit Blättern bedeckten Waldboden ab. Plötzlich springen schwerbewaffnete Polizisten aus ihren Verstecken und überwältigen die beiden. Von Christian Reinartz

Brigitte Mohnhaupt

Es sind Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz, die damalige Führungsspitze der RAF. Zwei Pilzsammler sollen die Polizei auf die Spur der Top-Terroristinnen gebracht haben. Nun verdichten sich die Zweifel.

Das Ende der Zweiten Generation der Roten Armee Fraktion nimmt seinen Anfang im Heusenstammer Stadtwald. Dort, dicht an der A3, nur ein paar hundert Meter hinter der Müllverbrennung, hat die RAF ihr Hauptdepot angelegt. Vergraben und in wasserdichten Plastikbehältern verstaut, hatten die Terroristen dort Gewehre, Bargeld, Pässe – die Schatzkammer des RAF-Terrors.

Doch wie gelang der Polizei damals dieser Coup? In der offiziellen Version heißt es bis heute, zwei Pilzsammler sollen per Zufall über das Versteck gestolpert sein, verbreitet das Bundeskriminalamt nach der Festnahme.

Das „Pharaonengrab“, wie der RAF-Erdbunker genannt wurde, enthielt noch mehr: Listen über geplante Attentate sowie verschlüsselte Wegbeschreibungen zu weiteren Depots. Für die Terror-Fahnder der Jackpot. Sie brauchen sich nun nur noch auf die Lauer legen. Zwei Wochen später, am 11. November, gegen 15 Uhr ist es dann soweit. Adelheid Schulz und Brigitte Mohnhaupt spazieren, ausgerüstet mit zwei Klappspaten, zum Erdversteck. Sie ahnen nichts von den getarnten GSG-9-Männern, die sich im Wald positioniert haben. Vor Ort angekommen erfolgt dann der Zugriff. Es ist 15.16 Uhr. Mohnhaupt und Schulz werden überwältigt. Sie wehren sich nicht.

Wer zweifelte, wurde als Sympathisant abgestempelt

Fünf Tage später geht den Fahndern der nächste große Fisch ins Netz. Die Dokumente sind mittlerweile entschlüsselt, die meisten Erdverstecke, verteilt über die Republik, ausgehoben. Nur über das Hamburger Depot „Daphne“ sprechen die Fahnder nicht. Eine Falle, werden sie später behaupten. Denn nur wenige Tage später tappt Terror-Chef Christian Klar hinein.

Adelheid Schulz

Für die Heusenstammer ist damals schon klar: Die Geschichte mit den Pilzsammlern kann nicht stimmen, vielmehr wird gerätselt, wer der Finder war. „Das ist als Frage durch Heusenstamm gegeistert“, erinnert sich Roland Krebs vom Heimat- und Geschichtsverein. „Aber Vermutungen, wer das hätte sein können, gab es nicht.“ Eine alte Heusenstammerin, die nicht genannt werden will, bringt es auf den Punkt: „Das soll ja jemand von uns gewesen sein. Aber niemand hatte auch nur den leisesten Schimmer, wer das hätte sein können.“ In dem kleinen Städtchen, wo im Grunde jeder jeden gekannt habe, sei das vielen komisch vorgekommen.

Die Heusenstammerin Gisela Beetz hatte ebenfalls Zweifel an der offiziellen Version des BKAs. „Mir ist das gleich komisch vorgekommen“, sagt die Lehrerin im Ruhestand. „Aber damals hat man solche Fragen verdrängt. Denn wer Fragen gestellt hat, wurde schnell in die Sympathisantenrolle gedrängt.“ Dennoch sei vielen klar gewesen, dass da was nicht stimmt. „Auch wenn die Behörden etwas anderes behaupteten.“

Ein Zeitzeuge und Zweifler ist der damalige Berichterstatter der Tageszeitung Offenbach-Post, Peter Ehrlich. Der Journalist ist heute Büroleiter der Financial-Times in Brüssel und erinnert sich gut. „Das ist bei uns eingeschlagen wie eine Bombe“, sagt er. Auch wenn damals aufgrund der Nachrichtenlage nicht darüber berichtet worden sei. „Im Nachhinein ist es unglaubwürdig, dass Pilzsucher das Versteck beim Sammeln entdeckt haben sollen“, sagt Ehrlich. „Warum sollten die den Waldboden umgraben?“ Viel eher sei er überzeugt, dass das BKA ein inhaftiertes RAF-Mitglied zum Reden gebracht habe.

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