Vorsitzender setzt auf Lehrmittel-Mix

Philologenverband sieht Digitalisierung im Unterricht problematisch

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Digitale Medien werden immer häufiger im Schulunterricht eingesetzt. Doch der Vorsitzende des Hessischen Philologenverbandes plädiert dazu, auch traditionelle Lehrmittel weiter mit einzubeziehen.

Smartphones, Tablets und Activeboards kommen immer öfter im Unterricht vor. Jürgen Hartmann, Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes, weiß um die technischen Vorteile, macht jedoch auch auf die Gefahren aufmerksam. Von Dirk Beutel

Die Studie „Schule Digital. Der Länderindikator 2015“ ist der Frage nachgegangen, ob Lehrer in allen Bundesländern mindestens einmal in der Woche digitale Medien im Unterricht nutzen. Warum landet Hessen mit 24 Prozent nur auf dem vorletzten Platz?

Gute Frage. Ich habe einen völlig entgegengesetzten Eindruck. Ich meine, dass es eher 75 Prozent der Lehrkräfte sind, die digitale Medien mindestens einmal in der Woche im Unterricht einsetzen und 25 Prozent, die das weniger als einmal wöchentlich machen.

Wie schneiden denn die hessischen Schulen im Bundesvergleich ab, wenn es um den Innovationswillen geht, neue Medien in den Unterricht zu integrieren?

Prinzipiell ist die Ausstattung der Schulen Aufgabe des Schulträgers. Das ist immer eine Frage von vorhandenen finanziellen Mitteln und dem Investitionswillen. Aus meiner Sicht werden von den Landkreisen und Städten große Anstrengungen unternommen. Aber es wird dennoch wenige sogenannte Tablet-Klassen geben. Viele Schulen haben ihre Klassensäle mit Active- oder Smart-Boards ausgestattet, ebenso wie mit fest installierten Computerräumen. Dazu kommen dann meist noch transportable Laptopwagen. Wobei die aber vermutlich mittlerweile schon wieder durch die Technikentwicklung überholt sein werden und künftig durch Tablet-Einheiten ersetzt werden.

Das heißt, man ist generell darauf aus, den Unterricht zu digitalisieren?

Der Drang danach ist meines Erachtens momentan nicht so hoch, weil in zunehmendem Maße auf den Ressourceneinsatz geachtet wird. Es gibt kritische Stimmen, die berechtigterweise auf die Gefahren hinweisen. So kritisiert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, dass durch den Einsatz digitaler Medien auch die Ablenkung größer werden kann. Eine Digitalisierung des Klassenzimmers würde lediglich zu einer Art Häppchen-Kultur führen und das sogenannte Bulimie-Lernen unterstützen. Handgeschriebenes etwa würde besser und länger im Gedächtnis bleiben. Ich sehe das ähnlich: Die Digitalisierung ist nicht immer nur positiv einzuschätzen, vor allem wenn viele entsprechende Medien zum Einsatz kommen und der Schüler leicht die Orientierung und damit die Fokussierung auf den Unterrichtsinhalt verlieren kann.

Ist ein Computerarbeitsplatz für jeden Schüler dann überhaupt erstrebenswert?

Auf jeden Fall sollte die direkte zwischenmenschliche Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler immer vorhanden sein und Vorrang haben. Für mich ist die Vorstellung seltsam, dass jeder Schüler irgendwo isoliert sitzen könnte. Dieser Gedanke ist gar nicht abwegig, dass der Schüler, dank der digitalen Medien, gar nicht mehr in die Schule kommen müsste. Er könnte ja von zu Hause aus lernen. Das ist kein erstrebenswerter Zustand, da viel zu viele soziale Kontakte verloren gehen. Das würde ich für die übergroße Mehrheit unserer Schüler nicht wollen.

Wie kommen denn eigentlich die Lehrer mit den digitalen Unterrichtswerkzeugen zurecht?

Die jüngere Generation der Lehrkräfte gehört selbst zu den Digital Natives, die mit der Technik aufgewachsen sind und diese für sich einzusetzen wissen. Das ist für die Kollegen selbstverständlich. Sie sind es meist als erste, die monieren, wenn bestimmte Ausstattungen nicht vorhanden sind. Sie haben wesentlichen Anteil daran, dass die technische Entwicklung in den Klassenzimmern vorangetrieben wird. In meiner Generation ist es eher so, dass mit modernen Medien gearbeitet wird, wobei ganz moderne Trends teilweise zeitlich verzögert ankommen oder erst einmal abgewartet wird, wie sich die Sache entwickelt. Die ältere Lehrergeneration, die ihre Unterrichtsmaterialien und Konzepte in traditioneller Form entwickelt hat, betrachtet die Entwicklung teilweise skeptisch. Manche Kollegen kommen zu dem Entschluss, dass die traditionellen Vorgehensweisen nicht per se schlechter sind als die modernen. Meiner Auffassung nach, sollte man die Vorteile der traditionellen wie auch der modernen Medien nutzen, soweit das möglich ist.

Mittlerweile ist es gang und gäbe, dass Informationen zur Schule und zum Unterricht über Facebook oder Whatsapp mitgeteilt werden. Das setzt wiederum voraus, dass jeder Schüler privat entsprechende Geräte besitzt.

Jeder Lehrer muss genau hinschauen und sensibel mit der Übermittlung von Informationen umgehen, insbesondere auch unter datenschutzrechtlichen Aspekten. Man kann kein Medium einsetzen, wenn es den Schülern nicht zur Verfügung steht. Wenn es einen in der Klasse gibt, der kein Smartphone hat, dann kann man dieses Medium, meiner Ansicht nach, nur noch bedingt einsetzen. Allerdings sind die Medien so verbreitet, dass dies mittlerweile eher selten der Fall sein sollte. Manche Schulen schließen allerdings die Nutzung von Smartphones auch explizit aus.

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