Hessischer Pro Bahn-Vorsitzender im Interview

Bahnstreik: „Die Geduld ist bei vielen Fahrgästen am Ende“

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Region Rhein-Main - Die Lokführergewerkschaft GDL hat zum siebten Mal zum Arbeitskampf aufgerufen. Thomas Kraft,Vorsitzender des hessischen Fahrgastverbandes Pro Bahn spricht über das Ausmaß des Streiks, die Geduld der Bahnreisenden und wie man den Konflikt mit der Deutschen Bahn lösen könnte. Von Dirk Beutel

Die GDL ist im Dauer-Arbeitskampf: In den vergangenen zehn Monaten rief die Gewerkschaft jetzt schon zum siebten Mal zum Streik auf. Finden Sie dieses Ausmaß noch legitim?

Das Recht zu streiken ist zwar ein Grundrecht, was man selbstverständlich nicht einschränken darf. Jedoch müssen die beteiligten Tarifparteien wissen, sie haben es mit einem sensiblen Bereich zu tun. Der Berufsalltag vieler Menschen hängt davon ab. Ebenso wie die Familie, Freizeit oder anderes Engagement. Da mussten weite Teile der Bevölkerung in den vergangenen Monaten schon soviel improvisieren, dass es des Guten zu viel ist.

Die Leidtragenden sind am Ende die Bahnreisenden. Wie groß ist noch das Verständnis für die Streiks?

Bei uns gehen einige Beschwerden in diesen Tagen ein, dazu zählt auch die Aufforderung, dass wir quasi als dritte Instanz, als Vertretung der Fahrgäste, direkt in die Tarifverhandlungen einsteigen. Gerade weil Fahrgäste, die regelmäßig die Bahn nutzen, schon zum siebten Mal betroffen sind, ist die Geduld bei vielen am Ende. Nicht wenige müssen jedes Mal Urlaub nehmen, weil sie ihren Arbeitsplatz nicht anders erreichen und der Arbeitgeber keine andere Regelung zulässt. Es gibt aber auch Menschen, die trotz der Lage mit der Situation souverän umgehen und in gewisser Weise Verständnis äußern. Die berufstätigen Fahrgäste wollen ja auch in ihrer Branche irgendwann auch mal wieder mehr Gehalt und streiken gegebenenfalls dafür. Die Zahl der Kritiker stellt jedoch inzwischen die deutliche Mehrheit.

Ist Claus Weselsky ein verbohrter Anführer oder ein Gewerkschaftsboss, den man in einer Demokratie braucht, um seine Rechte als Arbeitnehmer durchzusetzen?

Wenn man mich persönlich fragt, so wünschte ich mir in der Politik und in der gesellschaftlichen Verantwortung mehr kernige Typen, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und nicht erst überlegen, wie sie allen das Wort reden können ohne anzuecken. Diesen Typ Verantwortungsträger gab es früher häufiger in Deutschland. Und weil es sie seltener gibt, herrscht vielleicht auch Politikverdrossenheit. Jedoch ist Herr Weselsky in seinen Argumentationsketten seit Monaten derart festgefahren, dass er nicht erkennt, dass es nur über einen Kompromiss geht. Vieles wirkt bei ihm wie eine Selbstblockade.

Zum Thema Tarifeinheit: Was ist an der Vermutung dran, die Bahn wolle nur Zeit gewinnen, bis das entsprechende Gesetz im Sommer in Kraft ist?

Ich glaube nicht, dass die Tarifparteien so denken, weder die Gewerkschaft noch die Deutsche Bahn. Wenn das Gesetz nämlich erst in Kraft tritt, wenn schon eineinhalb Jahre vorher verhandelt worden ist, möchte ich bezweifeln, dass die laufende Tarifrunde überhaupt danach durchgeführt werden kann. Dies weiß die GDL ebenso wie die Deutsche Bahn und könnte wohl erfolgreich gegen eine solche Auslegung klagen.

Von einigen Seiten wurde bereits ein Schlichter gefordert. Wer könnte Ihrer Ansicht nach diese Rolle einnehmen?

Genau dies ist der Vorschlag, den wir als Pro Bahn Hessen vorgeschlagen haben. Das Mittel der Schlichtung hat in den Jahrzehnten der „Bonner Bundesrepublik“ bei brutal geführten Tarifauseinandersetzungen manchmal schon innerhalb weniger Tage Wunder bewirkt. Seit der Wiedervereinigung sind so schon einige Arbeitskämpfe zufriedenstellend beendet worden.

Wer könnte den Job machen?

Mir fallen die ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann und Nikolaus Schneider ein, auch der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Björn Engholm oder der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers oder der ehemalige hessische Justizminister Rupert von Plottnitz.

Könnte die Bahn durch die vielen Streiks Kunden auch längerfristig verlieren?

Ja, das ist zu befürchten. Auch wir merken, dass die mentale Bindung zum Verkehrsmittel Bahn, insbesondere im langstreckigen Nahverkehr und im Fernverkehr abgenommen hat. Mit der Freigabe für Fernbusse haben alle politischen Lager eine starke Aufmerksamkeit für die seither aufstrebende Branche erzeugt. Die Bahn wird vielfach nicht mehr als die umweltfreundliche Verkehrsalternative gesehen, sondern als ein Verkehrsmittel von vielen. Wobei man sagen muss, dass die Fernbusbranche weitreichend machen kann, was sie will. Die Bahn aber an viele Dinge gebunden ist, wie Stations- und Trassenpreise. Wenn es da mal gleiche Wettbewerbsbedingungen geben würde, dann würde der aufstrebende Fernbus auch wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

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