Interview

Hessens oberster Datenschützer warnt vor dem Datenraub

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Hessens oberster Datenschützer Michael Ronellenfitsch warnt vor dem Datenklau

Region Rhein-Main - Unsere Daten sind Waren, doch den meisten Internetnutzern ist das nicht bewusst. Hessens oberster Datenschützer Michael Ronellenfitsch mahnt zu einer gesunden Skepsis und mehr Vorsicht im Umgang mit persönlichen Daten. Von Dirk Beutel 

Anfang der Woche wurde bekannt, dass 16 Millionen E-Mail-Konten gehackt wurden. Ein Mega-Datenklau. Müssen wir uns immer mehr Sorgen um unsere Daten machen?

Sie müssen sich umso mehr Sorgen um ihre Daten machen, um so mehr sie ins Internet gehen und neue Technik benutzen. Und wer kann denn darauf heute noch verzichten? Eigentlich niemand.

Es handelt sich um eine gewaltige Zahl. Welche Folgen können sich daraus für die Opfer ergeben?

Die Angreifer könnten sich an vielen Stellen für das Opfer ausgeben, also deren Internet-Identität annehmen. Dadurch könnten sie unter deren Namen beleidigen, Waren bestellen und strafrechtlich relevante Dinge tun, die dem Opfer zugerechnet würden. Außerdem muss im Fall einer Verseuchung der eigene Rechner mit viel Aufwand von Schadsoftware gesäubert werden.

Freiheit, Sicherheit, Datenschutz – muss man abwägen, oder können diese Güter in unserer modernen Gesellschaft noch nebeneinander stehen?

Datenschutz ist von vornherein ein Abwägungsgegenstand gewesen. Es besteht ja auch die Informationsfreiheit und wir sind ja nicht mehr Höhlenbewohner, sondern kommunikative Wesen. Wenn wir die Welt hereinlassen, sie benutzen, dringt sie natürlich auch in unseren Lebensraum ein.

Smartphone, Tablet oder PC – fast jeder ist im Besitz eines digitalen Alltagshelfers. Die Bedienung ist einfach, aber wenn es um den eigenen Datenschutz geht, sind viele überfordert.

Meine Erfahrung ist, dass je technikorientierter die Menschen sind, desto stärker sind sie umgekehrt überfordert, weil sie Schutzvorkehrungen trotzdem nicht treffen, die man eigentlich treffen müsste.

Auch Unternehmen werden aggressiver wenn es um Nutzerdaten geht: LG hat mit seinen Fernsehern versucht, das Schauverhalten der Zuschauer zu überwachen.

Viele Unternehmen kann man nicht in Zweifel ziehen aber ein gesundes Misstrauen und Skepsis gegen die Wirtschaft ist generell geboten, weil die Daten in Wirklichkeit Waren sind. Und sie zahlen mit ihren Daten für Leistungen, die kostenlos wirken, die es aber tatsächlich nicht sind.

Eigentlich müsste doch die Bevölkerung wegen der permanenten Datensammelwut von Unternehmen und Geheimdiensten laut aufschreien – sie tut es aber nicht.

Weil die Bevölkerung sich dessen nicht bewusst ist. Die Mentalität „Ich habe nichts zu verbergen“ ist falsch. Jeder hat etwas zu verbergen und seien es nur seine jeweiligen privaten Gewohnheiten. Aber wenn Sie aus Bequemlichkeit einen Eisschrank haben, der fehlende Waren von selbst bestellt, dann müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie Werbung für bestimmte Lebensmittel bekommen.

Leichtsinn und Bequemlichkeit auf der einen Seite, auf der anderen nimmt das Datensammeln kein Ende. Worauf müssen wir uns noch gefasst machen?

Datensammeln an sich ist ja nichts böses. Es geht um das Sammeln von Informationen und je mehr Informationen ich habe, umso besser ist es. In einer modernen Gesellschaft sind die Vorteile des Internets derart eklatant, dass man die Nachteile ignoriert, aber die sind genauso gravierend.

Man hat es auf vielen Feldern noch in der Hand, ob man seine Daten preisgibt. Ein wichtiger Bestandteil dessen sind Nutzungsbedingungen oder Allgemeine Geschäftsbedingungen, aber die liest sich kaum jemand durch.

Man müsste tatsächlich alles durchlesen. Aber seien wir mal ehrlich: Wer macht das? Wer liest schon den Beipackzettel von Medikamenten?

Wehrlos sind die Bürger, wenn man ausgespäht wird, was der amerikanische Geheimdienst NSA in großem Stil betrieben hat. Auch Firmen, Behörden und Institutionen werden rund um die Uhr angegriffen. Wie ist die Bundesregierung mit dem Thema umgegangen?

Die Einstellung der Bundesregierung ist nicht qualitativ groß anders, als die in anderen Ländern. Wir sind nur wenn es um den Datenschutz geht, sensibler, obwohl der Aufschrei der Bevölkerung relativ gering war. Aus dem Grund, weil die NSA keinen unmittelbaren Kontakt mit den deutschen Bürgern hat. Was soll ihnen der US-Geheimdienst denn tun? Er entzieht nicht die Fahrerlaubnis oder verlängert eine Aufenthaltsgenehmigung. Der Schaden für den Durchschnittsbürger ist so gering gewesen, dass es keinen Aufschrei gab.

Doch mittlerweile werden deutsche Bürger dazu hingeführt ihre Daten elektronisch preiszugeben. Etwa im Gesundheitswesen mit der elektronischen Gesundheitskarte, auf der Krankheitsbilder abgespeichert werden sollen. Da geht es bei der Privatsphäre ans Eingemachte.

Es geht tatsächlich ans Eingemachte. Aber auch hier ist der Nutzen so groß, dass man einen möglichen Schaden in Kauf nimmt. Mann muss nur darauf achten, dass keine Daten auf diese elektronische Karte gelangen, die dort nichts zu suchen haben. Das zu Überwachen ist mein Job.

Viele haben das Internet für ein Instrument der Freiheit gehalten, es wird aber für das exakte Gegenteil benutzt. Der Blogger Sascha Lobo sagt: „Das Internet ist kaputt.“ Andere sagen der Mensch ist es. Was stimmt nun?

Stimmt beides nicht! Das Internet war ursprünglich für militärische Zwecke gedacht. Es wurde erst später auf die Universitäten ausgedehnt und dort erst zu einem Kommunikationssystem. Es war von vornherein nichts hochheiliges, um den Informationsfluss der Bevölkerung zu verbessern. Das Internet ist ein Kommunikationsweg wie jeder andere auch und kann ebenso missbraucht werden. Es ist wertfrei, weder böse noch gut.

Wie wird das Internet unser Leben noch verändern?

Es wird sich qualitativ auf eine Art und Weise verändern, die wir nicht voraussagen können. Letztlich hat sich aber jede neue Generation auf neue technische Möglichkeiten eingestellt und hat mit ihr leben gelernt. Ich vertraue auf die künftigen Generationen, dass sie mit dem Internet besser umgehen können als meine.

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