Herrmann Wissmüller sucht einen Nachfolger für die Rösterei in Bockenheim

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Herrmann Wissmüller und seine Kaffeebohnen.

Frankfurt – „Vatter, der erste Kunde ist da und will 50 Kilo Rohkaffee“, ruft Herta Wissmüller ihrem Mann Herrmann zu. Der sitzt in einem Büro hinter einem voll bepackten Schreibtisch. Der Mann hat die Ruhe weg. Kein Wunder, schließlich betreibt er die Stern-Kaffee-Rösterei an der Leipziger Straße seit mehr als einem halben Jahrhundert. Von Enrico Sauda

Früher, so sagt er, wäre er um sechs Uhr aufgestanden. „Heute so zwischen neun oder zehn.“ Er lässt es langsamer angehen. Gelernt hat der 92-Jährige allerdings ein anderes Handwerk: Er ist Bäckermeister. 1948 wagte er mit 20 Kilo Rohkaffee und einer Röstmaschine einen Neuanfang.„Weil's damals keine Bäckereien mehr gab, entschloss ich mich dazu, in die Kaffeebranche zu wechseln“, sagt Wissmüller fast schon lapidar. Seine ersten guten Bohnen hatte er von Importeuren erhalten. „Damals“, erinnert sich Wissmüller ohne dabei nostalgisch zu werden, „damals gab es noch gut 20 Röster in Frankfurt – heute nur noch drei“. Dass er zu diesen gehört, macht ihn glücklich, zählt zum Schönsten, was er in seinem Leben erreicht hat. „Nach dem die Kaffeebranche ganz unten gewesen ist, hat sich das Haus langsam wieder erholt und angefangen, erneut aufzublühen“, sagt er und hat dabei dieses gewisse Funkeln in den Augen.

20 verschiedene Kaffeesorten

Die Kaffeerösterei liegt beinah schon idyllisch in einem kleinen Hinterhof. Der Duft nach frischen Kaffeebohnen, das Stimmengewirr aus dem Laden lockt ins Innere. Durch einen kurzen engen Flur gelangen die Kunden in den Verkaufsraum – einem winzigen im übrigen. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf dem Tresen thront die große mechanische Waage und rechts von der Verkaufstheke ist der Blick frei auf die Maschine, die die Bohnen röstet. Die Kunden wissen diese Atmosphäre zu schätzen, können dort kilo-, pfund-, halbpfund- oder viertelpfundweise die Ware mit nach Hause nehmen – nicht nur gut 20 Kaffeesorten bieten Wissmüllers an, sondern auch Tee.

Ein wahres Kaffeeparadies

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Aber nicht nur das Ambiente lockt die Menschen an. Es ist die Röstung. Und die geschieht seit eh und je bei Wissmüller ganz schonend in zwei Trommelröstmaschinen, die beide schon mehr als 50 Jahre alt sind. Dabei muss der Röster den richtigen Augenblick abwarten, an dem die Bohnen die optimale Farbe angenommen haben. Dazu nimmt er immer wieder Proben. Ein wahres Kaffeeparadies. Doch ein dunkler Schatten trübt den Rand der Kaffeetasse. Wissmüller sucht einen Nachfolger, tut sich schwer dabei. Ein Sohn ist tot und „die anderen Kinder sind sehr unschlüssig in der Sache“. Auch die Enkel wollen nicht so richtig, bevorzugen die akademische Laufbahn. Hermann Wissmüller seufzt: „Ein guter Kaufmann, der sich in die Branche einarbeitet, wäre gut.“

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