Der Herr der toten Tiere

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Ein Bild aus jüngeren Tagen: Harald Weber mit einem ausgewachsenen Wildschwein – präpariert, versteht sich.

Friedrichsdorf – Ihr Beruf ist nicht immer einfach, ihr Image umstritten. Vor allem von Tierschützern mussten sich Tierpräparatoren so manche Beschimpfung und Kritik anhören. Dabei erhalten die exotischen Handwerker Tiere für die Nachwelt. Von Dirk Beutel

Ihr Geschäft ist der Tod und geht unter die Haut. Ihre Arbeitswerkzeuge sind Knochensägen, Zangen, Skalpelle, Pinzetten und Hammer. Vielen ist der Beruf des Tierpräparators deshalb unheimlich, sogar gruselig. Doch im Grunde handelt es sich nur um ein in die Jahre gekommenes Handwerk. Außer in Museen arbeiten kaum noch Tierpräparatoren selbstständig. So wie etwa der 68-jährige Harald Weber. Ausgebildet wurde er von seinem älteren Bruder Wolfgang, in dessen Präparations-Werkstatt.

Seit 1968 existiert der Betrieb in Friedrichsdorf. Längst hat der 74-jährige Wolfgang Weber sein Geschäft an seinen jüngeren Bruder Harald abgetreten, der nunmehr alleine für Vollpräparationen zuständig ist. Beide haben durch ihre Arbeit oft mit Vorurteilen kämpfen müssen: Leichenfledderer, Giftmischer, die Liste der Klischees, mit denen beide leben müssen, ist lang. Zu unrecht: Denn ein Tierpräparator muss gute Kenntnisse in Zoologie und einen großen Hang zur Natur besitzen. Auch privat haben sich die Webers immer mit Tieren umgeben. Wer mit toten Tieren arbeitet, muss sich mindestens genauso oft mit lebenden Tieren beschäftigen: Beide Brüder hatten jahrelang Haustiere. Während Harald Weber immer ein Hundebesitzer war, interessierte sich sein Bruder Wolfgang seit seiner Jugend vornehmlich für Reptilien und Amphibien. Sogar ein Spitzkrokodil hielt er sich zuhause. Seit 1951 ist er Mitglied im Deutschen Vogelschutzbund und macht Vogelstimmenwanderungen mit Schulklassen. Sein frühes Interesse zur Tierwelt mündete in der Ausbildung zum paläontologischen Präparator im Senckenberg Museum.

Täuschend echt: Das Vollpräparat eines Rehbocks.

Gedärme entnehmen, Knochen vom Muskelfleisch trennen – zugegeben, man darf für so eine Tätigkeit nicht gerade zimperlich oder etwa empfindlich sein.„Die Einstellung muss stimmen“, sagt Wolfgang Weber. Das übliche Ausstopfen von Tieren ist längst nicht mehr die gängige Praxis. Stattdessen wird das Fell eines Tieres auf einen künstlichen, anatomisch korrekten Körper aus Gips oder Plastik angebracht. Zumindest bei größeren Tieren. Bei kleineren Exemplaren wie Vögeln muss zu Holzwolle und Draht gegriffen werden.

„Ein Präparator braucht ein breites Fachwissen und muss praktisch arbeiten können“, erklärt Harald Weber: „Es ist Handwerk pur.“ Schreinern, Weißbinden, Schweißen, dazu kommen Kenntnisse aus der Holz- und Metallbearbeitung und auch der richtige Umgang mit Chemikalien, um Felle und Tierhäute zu gerben, will gelernt sein. „Im Zentrum der Arbeit stehen aber Zoologie und Naturschutz“, betonen die beiden.

Natürlich waren und sind Jäger die größte Kundschaft, doch auch viele Privatpersonen suchen das Brüderpaar auf. Etwa, wenn ein Eichelhäher mit einem besonderen Gefieder gegen ein Auto oder ein Sperber gegen eine Glasfront geflogen und dabei gestorben ist, sollten diese toten Tiere für die Nachwelt zum Anschauungsmaterial für den Schulunterricht verarbeitet werden. „Was wir machen, dient dem öffentlichen Lehrzweck“, sagt Wolfgang Weber. Und trotzdem: Selbstständige Tierpräparatoren findet man heutzutage im Rhein-Main-Gebiet immer seltener – so selten, dass sie selbst vom Aussterben bedroht sind.

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