Fröhlich bleiben in trüben Tagen

Business-Coach im Interview: Das hilft gegen den Herbstblues

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Gegen den Herbstblues oder die Winterdepression hat Personal- und Businesscoach Kirsten Schmiegelt eine Menge Tipps parat. Vieles ist Sache des Kopfes, dazu kommt Disziplin. Von Axel Grysczyk

Nennen Sie mir einen Grund, warum ich in dieser Jahreszeit überhaupt aufstehen soll.

Weil jeder Tag die Chance hat, besser zu werden, als man ihn erwartet hat. Wer nur im Bett liegt, der wird sich eher die Stimmung vermiesen. Es fehlt letztendlich an Bewegung. Das Wichtigste ist: Jeder Tag bietet neue Chancen, die sich höchstwahrscheinlich nicht vom Bett aus nutzen lassen.

Warum zieht uns die dunkle Jahreszeit runter?

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass uns Licht und Wärme gut tun. Sie motivieren uns, aktiver zu sein und heben unsere Stimmung. In der kalten Jahreszeit bekommen wir davon weniger, deshalb fallen uns vielleicht manche Dinge von vornherein etwas schwerer. Und natürlich gibt es die medizinische Winterdepression, die ärztlich diagnostiziert und behandelt werden muss. Das jetzt oft thematisierte Wintertief wird allerdings von vielen Medien besonders aufgegriffen, denn es passt zu aktuellen Themen wie Überlastung oder Burn-Out. Der Herbstblues oder das Wintertief sind Stimmungen, die auch viel im Kopf gemacht werden. Wir haben schon die Erwartung, dass es jetzt düsterer und kälter wird und dass uns das runterziehen wird.

Wenn der Herbstblues im Kopf gemacht wird, wie überliste ich ihn denn?

Es kann helfen, wenn wir uns – statt dem Sommer hinterher zu trauern – die positiven Dinge, die der Herbst mitbringt, bewusst machen: Weil’s schon früher dunkel wird, kann ich vielleicht besser einschlafen. Kerzenlicht hat beispielsweise für viele Menschen eine beruhigende heitere Stimmung. Doch im Sommer wirkt Kerzenlicht gar nicht. Vielleicht nehme ich mir jetzt mehr Zeit, ein gutes Buch zu lesen oder in die Sauna zu gehen. Und ich genieße das gute Essen, das es im Herbst gibt. Ich zum Beispiel freue mich schon im Sommer auf die vielen guten Kürbisgerichte.

O.K., ich mache mir das alles klar, mag aber trotzdem nicht aufstehen, wenn’s dunkel ist, nieselt und draußen Minusgrade herrschen. Was mache ich denn, wenn ich lieber morgens noch kuscheln möchte?

Kirsten Schmiegelt

Ganz pragmatisch: Sich den Wecker etwas früher stellen und mehr Aufwachzeit im Bett einplanen. Gönnen Sie sich Ihre Kuschelzeit! Beginnen Sie den Tag mit etwas, das Ihnen Freude macht, die warme Dusche, der gute Milchkaffee – was immer Sie gern haben. Und auch wenn’s schon hundertmal gesagt wurde: Das Beste, um in die Gänge zu kommen, ist Bewegung. Sport machen oder zumindest mal um den Block gehen und frische Luft atmen – das hilft garantiert, um Energie zu tanken. Wichtig ist, dass es den eigenen Rhythmus nicht durcheinander bringt und keinen Stress verursacht. Ansonsten wäre es wieder kontraproduktiv. Das beste Rezept ist immer, mit sich selbst versöhnlich umzugehen und auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu achten.

Was machen Sie persönlich gegen den Herbstblues?

Viel Sport. Aber das muss jedem Spaß machen, man darf sich nicht quälen. Es muss zum eigenen Leben passen. Es reicht schon, wenn man sich bewegt und regelmäßig frische Luft tankt. Für mich sind Herbst und Winter generell die Zeit der Ruhe und der Regeneration. Es ist wie in der Natur: Alles wird ein wenig runtergefahren, damit wieder ab dem kommenden Frühjahr genug Kraft da ist, um los zu powern. Ich gehe so viel wie möglich raus und genieße sowohl die goldenen Tage als auch die mystische neblige Stimmung.

Sind der Herbstblues oder das Wintertief in den vergangenen Jahren intensiver geworden, oder war das schon immer gleich?

Ich glaube, es gibt da keinen Unterschied zu den Menschen vor 100 Jahren. Unser Biorhythmus bleibt gleich. Bereits bestehende Verstimmungen machen sich im Herbst/Winter eher bemerkbar, weil wir in unserer Zivilisation das ganze Jahr durchpowern anstatt etwas runterzufahren.

Das heißt, es gibt gar keinen Herbstblues?

Häufig ist es so, dass eine Verstimmung bereits davor besteht. Darüber hinaus hat man – wie erwähnt – oft bereits die Erwartung, dass die Stimmung im Herbst eher negativer wird. Grundsätzlich geht es darum: Wie gut gebe ich auf mich Acht, und wie halte ich meine mentale Balance im Gleichgewicht, um mich gut zu fühlen – und zwar das ganze Jahr über.

Sie sind Personal-Coach. Was machen Sie mit jemanden, der den Herbstblues hat?

Erstmal geht es darum, zu klären, wie genau die persönliche Situation ist. Was gibt es für Baustellen? Meistens ist es so, dass jemand zuerst eine Sache beschreibt, und dann kommen im weiteren Gespräch noch viele andere wichtige Dinge zum Vorschein, die geklärt werden wollen. Die haben mit dem Herbst oft gar nichts zu tun. Ganz wichtig sowohl beim Herbstblues als auch generell ist dann natürlich, dass man positive Veränderungen konkret angeht. Wenn ich im Sommer abends immer joggen gehe und mir das im Herbst zu kalt wird, gehe ich vielleicht stattdessen abends schwimmen, um mich zu bewegen. Das Problem ist oft die Disziplin. Es geht ums Durchhalten, konstant gut auf sich zu achten. So paradox es klingt: Manchmal muss man sich dazu zwingen, sich selbst etwas Gutes zu tun.

Manchen macht das Wintertief so arg zu schaffen, dass sie die dunklen Monate im Süden verbringen. Was halten Sie davon?

Probieren Sie es aus! Wenn man es sich leisten kann und es einem gut tut – warum nicht? Es gibt aber genug Menschen, die auch mit dem Winter viel anfangen können. Ski-Begeisterte blühen ja erst im Winter richtig auf. Ich persönlich finde, man kann sich auch im Rhein-Main Gebiet eine schöne Zeit im Winter machen, ohne gleich auszuwandern.

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