Experten über Bräuche

Darum bedrohen fremde Sitten die Heimat nicht

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Heimat wird durch Bräuche, wie hier dem Seligenstädter Geleitsfest, gepflegt. Doch auch Veränderungen dürfen ihren Platz haben. Sie bieten die Chance der Verständigung mit anderen Kulturkreisen.

Region Rhein-Main – Er umfasst vertraute Orte, Menschen, Gefühle, Erinnerungen: Der Begriff Heimat ist zutiefst emotional geprägt. Fremde Sitten werden daher oft als bedrohlich wahrgenommen. Von Franziska Jäger

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Vielen fällt es schwer, sich in der Fremde wieder heimisch zu fühlen. Andere sehen ihre Heimat, ihre Sitten und Gebräuche bedroht durch fremde Kulturen.

„Heimatgefühl“, sagt Richard Biegel, Vorsitzender des Seligenstädter Heimatbundes, „das ist für mich neben den Menschen und Vereinen das Fachwerk, die Basilika, die alten Werte, die über Jahrhunderte weitergegeben wurden.“ Der Heimatbund vereinigt als Dachorganisation rund 130 Vereine in der Seligenstädter Kernstadt und den Ortsteilen unter sich. Er hat sich der Pflege des städtischen Brauchtums verschrieben, das sich in Historie und Fastnacht gliedert. Die Seligenstädter Fastnacht oder das Geleitsfest sind Beispiele für lebendige Tradition.

Halloween als Beispiel für Brauchveränderung

„Weil es bei Heimat um Vertrautheit und Emotionen geht, ist Wandel stets ein heikles Thema: Wenn ich mich irgendwo heimatlich fühle, dann habe ich instinktiv das Bedürfnis, dass es so bleiben soll“, sagt Gregor Maier, Heimatkundler und Leiter des Fachbereichs Kultur im Hochtaunuskreis. „Dabei ist gerade Brauchtum dynamisch und verändert sich kontinuierlich: Manches stirbt ab, manches verändert seine Gestalt, manches kommt neu dazu.“ Ein Beispiel: Immer beliebter wird hierzulande das Halloween-Fest, das vor allem die US-Amerikaner im großen Stil zelebrieren. Mehr und mehr Menschen ziehen im Oktober verkleidet durch die Straßen, feiern Mottopartys und besuchen Gruselevents.

Der Kommentar zum Thema:

Das Fremde gehört dazu

Gerade im Brauchtum sieht Maier die Möglichkeit zur Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen, die in Deutschland zusammenkommen: „Wie feiern wir, wie feiert ihr? Was essen wir, was esst ihr? Richtig verstandene Heimatpflege ist nicht exklusiv, sondern offen für Neues.“

Wichtiger Aspekt der Heimat: Sie lebt durch die Menschen, die sie gestalten. Maier sieht einen Zusammenhang zwischen Heimatgefühl und ehrenamtlichem Engagement. Wer seine Heimat liebt, der ist meist bereit, sich aktiv für sie einzusetzen. Den Einsatz in den Vereinen sieht Maier im Taunus nicht schwinden – auch wenn aktuelle Lebensentwürfe und der demografische Wandel oft in Konflikt zum Ehrenamt stehen. In den Heimat- und Geschichtsvereinen engagieren sich auch Zugezogene, keineswegs nur die Alteingesessenen. U

Vereine helfen das Heimatgefühl mitzutragen

Und in Seligenstadt ist laut Biegel selbst die Jugend mit Begeisterung in den Vereinen rund um Fastnacht, Musik und Historie aktiv. „Beim Geleitsfest stehen alle Vereine zusammen, trotz kleiner Rivalitäten“, sagt der Heimatbund-Vorsitzende. „Das aktive Vereinsleben macht unser kulturelles Leben in der Stadt aus. Und bei Festen helfen die Vereine, das Heimatgefühl mitzutragen.“ Die vertraute Gemeinschaft steht laut Biegel aber allen offen. Maier ergänzt: „Wenn ich mich als Neubürger aktiv in einen Verein einbringe, kann ich dort sehr schnell zu der Vertrautheit finden und heimisch werden.“

Den Austausch untereinander – ob auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene – erachtet der Heimatkundler als essentiell für die gegenseitige Akzeptanz. Wer seine Heimat kenne und liebe, habe die besten Voraussetzungen, auch die Heimatliebe des anderen zu verstehen.

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