Volle Aschenbecher, knurrende Mägen

Region Rhein-Main - Kathleen aus Offenbach hat Hunger. Ihr Magen knurrt, wenn sie morgens aufsteht, wenn sie Mittags von der Schule kommt und wenn sie Abends ins Bett geht. "Satt sein" kennt die Achtjährige nicht. Denn: Kathleens Eltern sind arm. Von Christian Reinartz

So arm, dass das knappe Hartz-IV-Geld nicht mal für ein ordentliches Schulbrot, geschweige denn für eine warme Mittagsmahlzeit reicht. Dennoch quellen zu Hause die Aschenbecher über und im Wohnzimmer läuft von morgens bis abends der neuste Plasma-Fernseher.

Verkehrte Welt? Mitnichten. "Es ist Realität, dass es Eltern gibt, die ihre Sozialhilfe für Zigaretten oder teure Elektronikgeräte ausgeben, anstatt es in ihre Kinder zu investieren", heißt es von einem Experten des Kreises Offenbach.

Allein in Stadt und Kreis leben fast 15.000 Kinder unter der Armutsgrenze, geprägt von allem, was damit einhergeht: Mangelhafte Förderung mit daraus resultierender mangelhafter Schulausbildung - die direkte Fahrkarte in die Sozialhilfe. Sind die Eltern dann noch mehr aufs eigene Wohl fixiert, als auf das ihrer Kinder, haben die Kleinen fast keine Chance, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Zahlen der Studie "Kinderreport" des Deutschen Kinderhilfswerks belegen diesen Trend. Danach verdoppelt sich alle zehn Jahre die Anzahl der in Armut lebenden Kinder. Ihr zufolge ist mittlerweile jedes sechste Kind in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen. Damit lebt der Nachwuchs deutlich häufiger als Erwachsene von der Stütze, sind faktisch arm. Vor allem Alleinerziehende Mütter und kinderreiche Migrantenfamilien seien betroffen.

Armutsgrenze hin oder her, hungern muss der Nachwuchs in der Region nicht. Das kann nur geschehen, wenn verantwortungslose Eltern ihren letzte Euro in überflüssige Luxusartikel investieren. "Man kann auch mit sehr wenig Geld die Kinder satt bekommen und sie dabei noch gesund ernähren", sagt Gabi Seidel, Direktorin am staatlichen Schulamt in Offenbach. Sie war selbst jahrelang Leiterin der Sterntaler-Grundschule in Dietzenbach. Seidel kennt die Probleme der verarmten Familien und setzt auf die staatlich subventionierte Mittagsmahlzeit beim Modell "Ganztagsschule". "Da bekommen die Kinder etwas Nahrhaftes zu essen", begründet Seidel. Das alleine reiche aber nicht. "Schon in der Grundschule bringen wir den Kindern bei, was alles zu einem vollwertigen Frühstück gehört", sagt Seidel.

Dass diese Rechnung noch nicht ganz aufgegangen ist, zeigen die Erfahrungen von Friedelgaard Pietsch von der Langener Tafel: "Wir merken immer wieder, dass Eltern überhaupt keine Ahnung haben, wie sie ihre Kinder günstig und vollwertig bekochen können. Da mangelt es an Grundwissen." Die Tafel gebe den Müttern deshalb ein Kochbuch an die Hand, auch spezielle Kochkurse seien schon im Angebot gewesen. "Mit Know-How kann man viel mehr rausholen", weiß Pietsch. Sie beobachtet zweimal pro Woche, wie sich die Kinder regelrecht auf das ausgegebene Mittagessen stürzen. "Die haben einfach richtigen Hunger, wenn sie uns besuchen", so Pietsch. Selbst die Schüler einer gegenüberliegenden Schule kämen heimlich zur Tafel und holten sich dort eine kostenlose Pausenmahlzeit ab. Pietsch: "Das sagt doch schon alles."

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