Wer schlägt, ist auch nur ein Opfer

Häusliche Gewalt: Berater helfen Männern

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Zwei streiten und schaukeln sich hoch, aber das blaue Auge hat nur einer: Bei der Täterarbeit des Diakonischen Werkes werden gewalttätige Männer beraten.

Region Rhein-Main - Jede vierte Frau in Deutschland wird einmal in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt. Um aus der Spirale der Schläge herauszukommen, bietet das Diakonische Werk Beratungen für betroffene Männer an. Von Dirk Beutel

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Die Dunkelziffer  ist erschreckend hoch. Nur ein kleiner Teil von häuslicher Gewalt kommt überhaupt ans Tageslicht. Oft sind Scham, Schuld und Angst die Gründe dafür. Betroffen sind alle Schichten. Im vergangenen Jahr wurden in der Diakonie Hessen  220 Fälle häuslicher Gewalt bearbeitet und etwa 1100 Beratungsgespräche  geführt. Seit einem Jahr gibt es auch im Diakonischen Werk Hochtaunus in Bad Homburg solche Täterarbeit. Männer mit Gewaltproblemen werden dort Einzelberatungen und Gruppentraining angeboten.
„Wir arbeiten die Probleme in kleinen Schritten auf und rekonstruieren die Tat mit allen Gefühlen und Gedanken“, sagt Peter Leiding, der das Gewalt-Training  für Männer im Diakonischen Werk Hochtaunus führt: „Viele Täter erleben sich selbst als ohnmächtig. Von Konflikten fühlen sie sich schnell überfordert.

In ihrer Hilflosigkeit schlagen sie zu

In ihrer Hilflosigkeit können sie die innere Ruhe nicht mehr bewahren und schlagen zu.“ Bislang haben 27 Männer Leiding aufgesucht. Es wurden 194 Einzel- und 27 Paarberatungen geführt. „Die Gewaltspirale  zu unterbrechen, das ist unser Ziel“, sagt Volker Feix , Diplom-Psychologe und Sprecher des Arbeitskreises Täterarbeit. Nicht selten seien die betroffenen Männer früher selbst einmal Opfer häuslicher Gewalt gewesen oder haben sie als Kind beobachten müssen. Feix: „Ich sehe niemanden als Teufel an, sondern ich will die Leute verstehen und dann dessen Probleme lösen. Eine Ablehnung vorab, würde eine Beratung sinnlos machen. Wobei aber immer deutlich gemacht wird, dass Gewalt niemals verhandelbar ist. Man kann immer anders handeln. “

Schuldzuweisungen sind nicht zu akzeptieren

Die gleichen Erfahrungen hat Peter Leiding gemacht: „Viele Täter, die zu uns kommen, sind laut, aggressiv und rechthaberisch. Sie sehen meist auch eine Mitschuld bei der Frau. Wir zeigen ihnen aber, dass Gewalt niemals gerechtfertigt ist, dass sie allein für ihr Verhalten verantwortlich sind, und dass Schuldzuweisungen nicht akzeptabel sind.“ Allerdings dürfe man nicht erwarten, mit einer Beratung einen Menschen komplett verändern zu können, gibt Michael Calmano, Berater im Main-Taunus-Kreis zu bedenken. „Mit Rückfällen muss man rechnen. Aber ich finde es besser, wenn dann jemand zu mir kommt, bevor ihm wieder die Sicherungen durchbrennen“, sagt Feix. Dass sich die Täterarbeit  dennoch bezahlt macht, davon ist man bei der Diakonie überzeugt. Leiding: „Eine Beratung dauert ein halbes Jahr. Wer das durchhält, wird zu 50 Prozent nicht mehr rückfällig.“

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