Er hat ein Händchen für Blindgänger

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Explosiver Job: Gerhard Gossens, Leiter des Kampfmittelräumdienstes, mit zwei Bomben aus dem Main.

Region Rhein-Main – Angst beim Spaziergang: Zwischen Laub entdeckt der Offenbacher Jeremy MacKeldey vergangene Woche eine Bombe im Stadtwald. Was für ihn eine Schrecksekunde ist, ist für Gerhard Gossens alltäglich. Der Bombenentschärfer musste dieses Jahr schon über 20 Mal ausrücken. Von Mareike Palmy

Ob bei Bauarbeiten, im Garten, auf dem Feld oder sogar auf dem Spielplatz: Rund 120 Tonnen Bomben, Minen und Granaten holt das Team vom Kampfmittelräumdienst jährlich in Hessen aus dem Boden. Selbst über 60 Jahre nach Kriegsende liegen noch jede Menge gefährliche, verrostetet Blindgänger im Erdboden.

Jeremy MacKeldey fand eine Bombe im Stadtwald.

Erst letzte Woche entschärften Gossens und sein Team in Rödermark eine Zehn-Zentner Fliegerbombe, die bei Bauarbeiten entdeckt wurde. Auch eine Phosphorbombe in einem Offenbacher Schutthaufen, zwei Fliegerbomben am Flughafen-Terminal, eine im Gallus, eine Phosphorbombe im Main und eine auf einem Frankfurter Spielplatz wurden in den letzten Wochen von Gossens und seinen Leuten sicher entsorgt.

„Zwischen zehn und 30 Prozent der Bomben sind damals nicht explodiert, da haben wir noch viele Jahre zu tun“, ist sich Gossens sicher. Für seinen explosiven Job ist der 58-jährige Westfale und sein fünfköpfiges Team immer im Einsatz. Und das seit über 20 Jahren, denn „Zufallsfunde treten immer auf“. „Wir sind 24 Stunden am Tag abrufbar, das ganze Jahr." Und wenn es sein muss, sind die Fundkommandos innerhalb einer Stunde an jedem Ort in Hessen.

Kontrollierte Sprengungen

Der Bomben-Job ist natürlich mit Risiken verbunden. Auch seine Familie bangt mit jedem Einsatz, denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen bleibt Gossens Beruf ein gefährlicher: „Mein Vorgänger und sein Vertreter sind bei einer Bombenentschärfung ums Leben gekommen. Das war am 10. August 1990“, so Gossens. Das Erlebnis hat sich bei ihm eingebrannt, den Tag weiß er auf Anhieb.

Der typische Bombenentschärfer aus dem Actionfilm ist Gossens aber nicht. Eher behutsam und besonnen, als ein Draufgänger. Für seine Arbeit braucht er auch ein ruhiges Händchen. Denn kommt der Kampfmittelräumdienst, ist äußerste Vorsicht geboten. „Wir sperren Straßen, evakuieren Wohnungen und Häuser, leiten Flugzeuge um oder stoppen Schiffe, wenn es nötig ist“, sagt Gossens.

Bis zu 70 Bombenentschärfungen erledigt das Team im Jahr. Die meisten Kampfmittel werden noch an Ort und Stelle kontrolliert gesprengt oder abgebrannt. Der Bomben-Müll kommt dann in ein geheimes Lager.

Vor allem Verkehrswege und Industrieanlagen der Großstädte wurden damals bombardiert. Auch auf Offenbach, Frankfurt und das gesamte Rhein-Main Gebiet fielen tausende Tonnen an Luftminen, Spreng- und Brandbomben. „Die Sprengsätze liegen heute meist in Gegenden, wo noch nie einer gesucht hat“, weiß Gossens. Sie sind so verrostet, dass sie auch mal von ganz alleine in die Luft fliegen. Mit dieser Altlast muss Deutschland wohl noch lange leben.

 

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