Unternehmen zeigt keine Gnade

Zoff ums Grundstück: 78-Jährige streitet sich mit der Bahn

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Helma Engelhardt deutet auf ihrem gerodeten Grundstück voller Verzweiflung auf die Stelle, wo ihre beiden Hunde begraben liegen.
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Frankfurt – Wenn viele etwas wollen, muss der Einzelne sich beugen. Die Bahn hat der 78-jährigen Helma Engelhardt deshalb den Garten weggenommen, um eine Bahntrasse zu bauen. Die Seniorin ist traurig: Schöne Erinnerungen verbinden sie mit dem Garten – und ihre zwei toten Hunde. Von Christian Reinartz

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Dass die Bahn juristisch im Recht ist, daran besteht kein Zweifel. Tief in ihrem Herzen weiß die 78-jährige Helma Engelhardt das. Und trotzdem fühlt sie sich furchtbar ungerecht behandelt. 180 Euro Pacht will ihr die Bahn zahlen – pro Jahr. „Das ist doch ein Witz. Die machen hier mein Leben platt“, sagt Engelhardt und kämpft mit den Tränen. Die laute, durchdringende stimme, der kleinen rüstigen Frau wird auf einmal weich und gebrochen. „Meine Großmutter hat hier schon vor hundert Jahren die Früchte geerntet und zum Markt in die Innenstadt getragen“, sagt die Seniorin. „Und jetzt kommt die Bahn und sägt hier alles kurz und klein. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und ohne Rücksicht auf Gefühle.“

"Die Bahn nimmt mir den schönen Teil und lässt mir das Brachgrundstück“

Zunächst will die Bahn vierhundert Quadratmeter nahe den Gleisen der S6 in Berkersheim zwangspachten, um Eidechsen, die an der bisherigen Bahntrasse leben, dorthin umsiedeln zu können. Weitere 200 Quadratmeter sollen Engelhardt dann 2017 weggenommen werden, sagt die Seniorin – für die neuen Bahngleise. „Dann will die Bahn das Grundstück auch kaufen“, sagt Engelhardt voller Sarkasmus. „Da krieg ich dann einmalig etwa 9000 Euro für 600 Quadratmeter.“ Besonders schlimm: Von dem insgesamt 1200 Quadratmeter großen Areal sind 600 ein blühender Garten gewesen, der Rest ist völlig zugewachsen und überwuchert. „Und die Bahn nimmt mir ausgerechnet den schönen Teil und lässt mir das Brachgrundstück“, sagt Engelhardt. Wenn sie wehmütig den Blick über ihren Garten schweifen lässt, bleibt er jedesmal an der linken vorderen Ecke, nahe der Zufahrt hängen. Direkt daneben stapelt sich ihr zersägter Kirschbaum.

„Genau da liegen meine zwei Lieblinge, Arno und Milan, begraben“, sagt Engelhardt. Die Hunde waren ihr Ein und Alles. Regelmäßig hat sie die Gräber der Tiere besucht, sich ihnen so nah gefühlt. „Und das machen die jetzt alles nieder und graben die beiden einfach um. Da zerreißt es mir schon jetzt das Herz.“

Bahn ist sich keiner Schuld bewusst

Bei der Bahn ist sich der für Frankfurt zuständige Sprecher keiner Schuld bewusst und verweist allgemein auf die Paragrafen. „Wir handeln nur nach Recht und Gesetz“, rechtfertigt er das Vorgehen der Bahn. „Es ist nun mal so, dass das Wohl der Allgemeinheit vor dem Wohl des Einzelnen steht.“ Dass Helma Engelhardt von den Arbeiten auf ihrem Grundstück überrascht worden sei, bezweifelt er. „Bei der Begründung des Besitzeinweisungsbeschlusses wird detailliert auf den seitens der Bahn mit Frau Engelhardt geführten Schriftverkehr, die geführten Gespräche sowie den Verfahrensablauf eingegangen.“ Am 27. Januar habe nach mehreren Kontakten die mündliche Verhandlung im sogenannten Besitzeinweisungsverfahren stattgefunden. „Weder Frau Engelhardt noch ein von ihr Bevollmächtigter erschienen zu dieser mündlichen Verhandlung“, sagt der Bahnsprecher.

Engelhardt weiß davon nichts: „Mit mir hat sich keiner hingesetzt und versucht, eine Lösung zu finden. Und das Rollkommando hat mir auch keiner angekündigt.“

Sie ist sauer: „Mit der Kettensäge sind sie schnell bei der Sache. Kommunikation ist aber nicht deren Stärke.“

Christian Reinartz

Christian Reinartz

E-Mail:christian.reinartz@extratipp.com

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