Grundschullehrerin schreibt Buch über Flüchtlingskinder

Interview: „Die Flüchtlingskinder leiden am meisten“

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Birgit Gröger unterrichtet als Grundschullehrerin in Frankfurt-Sossenheim auch viele geflüchtete Kinder. Ihre Geschichten hat sie in einem Buch verarbeitet.

Kelkheim - Flüchtlingskinder haben keine Wahl. Sie müssen ihre vertraute Umgebung verlassen und kommen oft traumatisiert in Deutschland an. Birgit Gröger aus Kelkheim unterrichtet diese Kinder. Deren Erlebnisse hat sie in einem Buch verarbeitet. Von Oliver Haas.

Frau Gröger, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als sie den Entschluss gefasst haben, ein Kinderbuch zum Thema Flüchtlinge zu schreiben?

Das war Ende 2015, als die Berichte in den Medien immer mehr, die Zahlen immer größer und die kritischen Stimmen immer lauter wurden. Damals waren 30 Millionen Kinder weltweit auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Ich begann, mich für die menschlichen Schicksale hinter diesen Zahlen zu interessieren. Ich wollte die Kinder aus der Anonymität der Zahlen herausholen.

Wie soll dabei Ihr Buch „Alima, das Mädchen aus Aleppo“ konkret helfen?

Mit dem Mädchen Alima möchte ich den Kindern exemplarisch eine Persönlichkeit geben. Ich will trotz aller kontroversen Sichtweisen an Toleranz und Mitgefühl für diese Kinder appellieren, denn sie verstehen das alles am wenigsten und leiden am meisten. Sie haben keine Wahl zu bleiben oder zu gehen, denn sie werden einfach mitgenommen und können sich ihr Ziel nicht aussuchen. Ich sehe das Buch als meinen Beitrag zur Integration. Ich wünsche den Kindern, dass sie es schaffen werden, ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten und aus den Trümmern des Krieges neue Hoffnung wachsen zu lassen. Daher auch die Blume auf dem Cover.

Worum geht's in diesem Buch?

Die Hauptperson ist Alima, ein zirka achtjähriges Mädchen, das nach der Flucht über das Mittelmeer mit seiner Mutter in einem deutschen Auffanglager landet. Ihr Vater und die beiden Brüder sind seitdem verschollen. Es geht um ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, aber auch um ihre schlimmen Erlebnisse, die sie in Form von Albträumen immer wieder einholen. Das Buch eignet sich auch als Klassenlektüre für die vierte bis achte Jahrgangsstufe. Durch das bewusst offene Ende können die Schüler selbst Fortsetzungsgeschichten schreiben, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen einbeziehen oder auch dem Mädchen Alima einen Brief schreiben.


Als Grundschullehrerin in Frankfurt-Sossenheim haben Sie täglich auch mit Flüchtlingskindern zu tun. Welche Erfahrungen haben Sie besonders betroffen gemacht?

Schlimm sind immer Erzählungen über die Verluste von Familienmitgliedern. Bei einer meiner Schülerinnen aus Afghanistan gilt zur Zeit der Vater als verschollen. Ich unterrichtete außerdem einen syrischen Jungen, der nach zirka einem dreiviertel Jahr in der Schule plötzlich anfing zu stottern, weil er die Erlebnisse aus seiner Heimat und auf der Flucht offenbar nicht verarbeitet hat. Und ein afrikanischer Junge hatte mir erzählt, dass man mit einem Gewehr auf ihn gezielt und abgedrückt hätte. Zum Glück sei die Waffe nicht geladen gewesen oder habe schlicht nicht funktioniert. Aber er hat mit ansehen müssen, wie sein Vater aus Notwehr jemanden habe erschießen müssen. Viele Kinder haben Entsetzliches durchgemacht. Manches lässt auch mich nur schwer los.

An welche schönen Erlebnisse können Sie sich erinnern?

Ich unterrichte Schüler von fünf bis elf Jahren. Fast alle haben ausländische Wurzeln. Schöne Erlebnisse gibt es viele. Besonders interessant und spannend finde ich es, wenn die Kinder aus ihren Heimatländern berichten. Sehr gefreut hat mich, wie ein zunächst völlig verstörtes und verschüchtertes Mädchen aus Afghanistan in meinem Vorlaufkurs-Unterricht mehr und mehr auftaute. Das ist das sprachliche Vorbereitungsjahr auf die erste Klasse für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache. Das Mädchen hing förmlich an meinen Lippen, schien alles aufzusaugen und lernte unglaublich schnell. Sie fand Freunde und wurde mehr und mehr zu einem fröhlichen und verantwortungsvollen kleinen Mädchen. Erstaunlich war, wie schnell es selbstständig wurde und sogar alleine den Schulweg gehen wollte, da die Mutter zu Hause noch weitere Kinder betreuen musste.

Was müsste vor allem für die Flüchtlingskinder in Deutschland getan werden, damit die Integration gelingt?

An erster Stelle ist es wichtig, dass die Kinder liebevollen Menschen begegnen, damit sie wieder Vertrauen und Zuversicht aufbauen können und in der Lage sind, ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten. Dann müssen sie möglichst schnell die für sie fremde Sprache erlernen, damit sie sich selbst einbringen können, Freunde finden und ein Gefühl des Dazugehörens entwickeln. Kinder sind wissbegierig und sie lernen erstaunlich schnell. Vor allem in einem Umfeld, in dem sie keine Angst mehr haben müssen.

Sie sind Mitglied der FDP in Kelkheim. Wurden Fehler in der Flüchtlingspolitik gemacht?

Es war sicher wichtig, dass man den hilfesuchenden und verzweifelten Menschen Schutz und humanitäre Hilfe angeboten hat. Wir können jedoch nicht jeden Menschen aufnehmen, der sich als Flüchtender versteht, und vor allem können wir keinen unkontrollierten Zustrom von Menschen ohne Ausweispapiere zulassen. Die Menschen, die bereits hier sind, benötigen Bildung in der deutschen Sprache genau so wie in unserem Verständnis von Demokratie und in unserer Kultur. Hier wird bereits vieles angeboten, doch es ist noch lange nicht genug.

Was denken Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen mit den Flüchtlingskindern darüber, wenn jemand gegen Flüchtlinge hetzt?

Als Jugendschöffin am Amtsgericht in Frankfurt bin ich auch mit der weniger positiven Seite konfrontiert. Wir werden uns großen Herausforderungen stellen müssen. Bezogen auf die Kinder wünsche ich mir Mitgefühl und Toleranz. Sie verstehen diese entsetzliche Situation der Bedrohung durch den Krieg, die Entwurzelung durch Verlust ihrer vertrauten Heimat und ihrer Bezugspersonen am wenigsten. Sie hatten keine Entscheidungsfreiheit, ob sie bleiben oder ihr Land verlassen. Und sie sehnen sich, wie alle Kinder dieser Welt, nach Frieden, Sicherheit und Geborgenheit.

Infos zum Buch

Birgit Gröger arbeitet als Grundschullehrerin und Lerntherapeutin in Frankfurt. Sie ist Mutter von zwei Kindern. Gröger hat bereits mehrere Kinderbücher geschrieben. Mit dem Erlös aus ihren Projekten unterstützt sie wohltätige Organisationen für Not leidende Kinder. Mehr Informationen zur Autorin und ihrem neuen Buch „Alima, das Mädchen aus Aleppo“ gibt's auf www.lekowa.de

Beeindruckend ist auch die Geschichte von Amin, der aus dem Iran nach Deutschland geflohen ist und jetzt in Frankfurt lebt.

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