Die große Schwester zum Ausleihen

+
Aylin und Anke Moseler basteln im Kinderzimmer. Die gemeinsame Fotos sollen schicke Fotorahmen bekommen.

Offenbach – Mit der älteren Schwester ins Schwimmbad gehen, hinten auf dem Motorrad mit dem großen Bruder um die Häuser düsen. Was sich einige Kinder wünschen, bietet nun ein neues Mentorenprogramm, das auch Erwachsenen einige Träume erfüllt. Von Andreas Einbock

Auf dem weißen Tisch liegen viele bunte Steinchen und einige Filzstifte. Mit einem Pinsel zieht Aylin einen blauen Strich auf einen Bilderrahmen. „Sollen die kleinen Aufkleber an den rechten Rand“, fragt Anke Moseler mit einem Klebestift in der Hand. Vertraut wirkt das Zusammenspiel beim gemeinsamen Basteln. Auf den ersten Blick wirken beide wie Schwestern. Dabei kennen sich die elfJährige Offenbacherin und die 28-jährige Bankangestellte aus Frankfurt erst seit gut 16 Monaten.

Vermittelt hat die Geschwisterpaarung der besonderen Art zwischen Aylin und Anke die Organisation „Big Brothers Big Sisters Deutschland“ (BBBSD), die seit zweieinhalb Jahren auch im Rhein-Main-Gebiet Kinder und Jugendliche mit Erwachsenen zusammenbringt. Vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund oder in schwierigen Lebenssituationen sollen die regelmäßigen Treffen eine Erleichterung sein. So war es auch bei Aylin, die erst vor kurzem auf die Schillerschule gewechselt ist. Dazu passte die soziale Ader Moselers, die bereits früher Behinderte und Kinder betreute.

Ausflüge der Tochter machen Mama neidisch

Große Brüder und kleine Schwestern gesucht

Big Brothers Big Sisters Deutschland“ ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die durch Stiftungen, Unternehmen und Spenden finanziert wird. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es derzeit 90 Paare. Vermittelt werden ausschließlich Paare gleichen Geschlechts. Dabei müssen Kinder zwischen sechs und 16 Jahren alt sein. Die Teilnahme ist für Kinder und Erwachsene kostenlos. Derzeit fehlen große Brüder und kleine Schwestern. Die nächste Informationsveranstaltung findet am Donnerstag, 17. Februar, ab 18.30 Uhr, in Frankfurt, Kurt-Schumacher-Straße 43 statt. Weitere Informationen im Internet unter: www.bbbsd.org

„Ich mag ihre Lockerheit, und dass sie viel mit mir schwimmen geht, was meine Mama nicht so gern macht“, sagt Aylin und schmunzelt zu ihrer neuen Schwester rüber. Während Moseler eine Abwechslung zum stressigen Bürojob suchte und übers Mitarbeiterprogramm ihrer Bank zu BBBSD kam, wurde Aylin über die Freundin ihrer Mama darauf aufmerksam.
Zwei bis drei Mal im Monat waren sie im ersten Jahr gemeinsam im Kino und im Zirkus, im Kletterwald, beim Bowling oder Fahrrad fahren. „Zuletzt waren wir im Kommunikationsmuseum“, berichtet Moseler und Aylin ergänzt mit ein paar Handzeichen: „Ja, da haben sie uns doch diese Zeichensprache erklärt.“ Bei so vielen Ausflügen wird selbst Aylins Mama neidisch: „Mit mir hat sie nicht so viel unternommen. Aber wir wissen ja, dass sie in guten Händen und glücklich dabei ist.“

Wie gut ihr der Austausch bekommt, zeige sich auch an Aylins plötzlicher Lust am Lesen. Für die Treffs genüge ein kurzer Anruf und schon gehe es meist am Wochenende zu zweit los. Aber so wie Moseler schon gemeinsam mit Aylins türkischstämmiger Familie gegrillt hat, so hat auch Aylin bereits Moselers Freund bei einem Ausflug kennengelernt.

Nicht nur kleine Schwester profitiert von den Treffen

Dabei sind die Treffen nicht nur für Aylin eine Lebensbereicherung. Moseler habe ebenso viel dazugelernt. „Ich war bisher nicht so die Radfahrerin. Für Aylin habe ich mir extra ein neues Rad gekauft. Das war eine schöne Erfahrung für mich“, sagt die Frankfurterin, die selbst keine eigenen Geschwister und auch keine jüngeren Kinder in ihrer Familie hat.

Obwohl das regelmäßige Zusammentreffen im Mentorenprogramm nur auf ein Jahr angelegt ist, wollen beide auch in Zukunft mindestens einmal im Monat etwas unternehmen. „Sie singt und tanzt sehr gut“, erzählt Aylin und bringt so ihre große Schwester auf eine Idee. „Sollten wir dann vielleicht mal zum Karaoke gehen“, fragt Moseler. „Ja, dann singe ich auf türkisch und lerne es dir“, sagt Aylin und Moseler erwidert: „Prima, dann bringe ich dir Englisch bei.“

Kommentare