Tagebuch

Griechenland-Korrespondent berichtet: Ärger mit Touristen 

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Region Rhein-Main – Die Meldungen über Rettung oder Fall Griechenlands überschlagen sich täglich. Doch wie sieht der Alltag der Menschen abseits der Diskussionen um Rettungspakete aus? EXTRA TIPP-Korrespondent Dimitris Kourtidis berichtet auf www.extratipp.com aus Hellas.

Donnerstag, 30. Juli

Die Finanzkriese in Hellas hat den sensitiven Bereich der Gesundheit massiv geschlagen. Krankenhäuser leiden an allen Stellen, Personal, Medikamente und Nahrungsmittel werden immer knapper. Besonders außerhalb Athens wird täglich ohne elementarer Rüstung und Hilfsmittel mit Notfällen gekämpft. Auf Kos steht nur ein Krankenwagen für die ganze Insel zur Verfügung. Heute wurde der Betrieb der Intensivstation im Stadtkrankenhaus von Korinth eingestellt, die Hauptstadt einer Provinz mit über 70.000 Einwohnern kann seine Schwerkranken nicht mehr versorgen – die müssen nach Athen (80 Kilometer weit weg).

Montag, 27. Juli

Hochsommer in Hellas, Tourismus ist die Dampflock des Landes und Philoxenia (Fremdenfreundlichkeit) ist die Parole. Anfang Mai bis Mitte September kommen die Menschen aus ganz Europa mitunter nach Hellas um Sonne, Strand, Historie, Geschichte und mediterrane Küche zu genießen und dem alljährlichen Alltag zu entfliehen. Das war noch vor ein paar Jahren eine Selbstverständlichkeit. Touristen und Griechen verbrachten schöne Sommermonate miteinander.

In diesem Jahr kommt es jedoch wiederholt zu unschönen Verhalten die nichts der Vergangenheit zu tun haben. Französische Touristen besuchten Museumsstätten auf Rhodos und wollten den Eintritt nicht bezahlen – alles gehöre ihnen, da der griechische Staat dem französischen Geld schuldet. Deutsche Touristen wollten im Restaurant die Rechnung nicht begleichen, die Griechen schulden ihnen ja Geld. Hier kam es leider zu Handgreiflichkeiten. Solche Geschehnisse weiten sich auf ganz Griechenland aus und Berichte dieser Art werden täglich genannt.

Freitag, 24. Juli

Hellas steht seit 2011 unter Rezession und nach zwei verheerenden Memoranden wird dem Hellenischen Volk ein dritter vernichtender Vertrag aufgehängt. Den Gegebenheiten zum Trotz sind die Griechen dazu aufgefordert zur gleichen Zeit das Flüchtlingsdrama aus dem Südosten zu bewältigen. Täglich kommen hunderte von Menschenseelen aus Syrien und anderen Problem-Regionen nach Hellas, die Staat und das Volk ist im Kollaps. Auf was soll man sich fokussieren? Griechenland hält die Hände hoch! Dieses Bild zeigt einen zentralen Athener Platz, den Pedion Areos, der von Flüchtlingen mit Zelten belagert ist. Der Pedion Areos ist so etwas wie der Rothschildpark in Frankfurt, der Lustgarten in Berlin, der Jardin des Tuileries in Paris, die Piazza di Spagna in Rom etc. In fast jeder Ecke und jedem Stadtteil platzen Athen und weitere Großstädte Griechenlands fast vor Flüchtlingen, die unter dramatischen Verhältnissen auf eine bessere Zukunft warten.

 

Donnerstag, 23. Juli

Seit Anfang dieser Woche gilt der neue Mehrwertsteuersatz für Lebensmittel und Dienstleistungen in Griechenland. Bei den meisten Produkten wurde der Satz von 13 auf 23 Prozent heraufgesetzt. Das gilt allerdings nicht nur für den Wiederverkauf in der Hotellerie und Gastronomie, sondern auch im Supermarkt für die Hausfrau. Das Wahnsinnige daran ist, dass die meisten Produkte in Kategorien aufgeteilt wurden: roh oder verarbeitet. Sprich, ein Hähnchen wird weiterhin mit 13 Prozent versteuert, ist es aber paniert oder gewürzt, dann sind es 23 Prozent. Nudeln im Supermarkt: 13 Prozent. Tortellini (mit Füllung): 23 Prozent. Kommt jetzt der Klempner zur Reparatur, dann wird seine reine Arbeitszeit mit 13 Prozent versteuert, für die Anbringung von Ersatzteilen wird diese Arbeitszeit gesplittet und mit 23 Prozent versteuert. Der Gastronom kauft überwiegend mit 13 Prozent ein, verkauft es aber mit 23 Prozent. Dadurch muss der Endverbraucher draufzahlen.

 

Mittwoch, 22. Juli

Das Karussell der Entwicklungen in Griechenland hat das eine oder andere Sozialthema des Landes an den zweiten Rang gedrängt. Die Banken sind zwar wieder offen, es werden lediglich nur Soll – Geschäfte der Griechen gegenüber Kreditoren abgewickelt und der Fiskus entsendet massiv Bescheide an alle Haushalte, um seine Einnahmen zu sichern.
Zahlungsfristen werden enger gesetzt und der Gürtel wird somit enger für die Hellenen. Das Limit der Geldaufnahme vom Konto bleibt bis auf weiteres auf 60 Euro täglich, ein Teufelskreis, der den Mittelstand der Griechen in neue Turbulenzen führt. Mathematik ist jetzt angesagt, denn irgendwie muss man gleichzeitig Rückstände gegenüber Energieversorgung, Finanzamt und etliche Fixkosten parallel zu variable Kosten decken.

Dienstag, 21. Juli

Griechenland wird jährlich von verheerenden Waldbränden heimgesucht, immer im Juli und August wenn die Temperaturen und die Winde sehr hoch sind.
Zufällig und in Kombination mit den politischen Entwicklungen in Hellas, das will keiner mehr glauben. Seit Jahren nicht. Am vergangenen Mittwoch wurde die griechische Regierung zum dritten Memorandum gezwungen, einen Tag später wählte das Parlament über die Maßnahmen des Memorandum mit 32 Abstrichen für die Regierungspartei, am Freitag Mittag kam die Kabinettsumbildung infolge der Parteimeuterei der Tsipraspartei parallel zu den 59 Brandherden in Athen und auf dem Peloponnese. Ein klarer Fall für Derrick und Pythagoras.

Montag, 20. Juli

Noch vor ein paar Wochen wimmelte es hier von Menschen, Griechen und Touristen. Heute sind es nur ein paar wenige die noch die Kraft haben sich noch einen Café oder einen Sprung ins Meer zu leisten. Schlagartig wurde heute der Mehrwertsteuersatz von 13 auf 23 Prozent für Grundnahrungsmittel und Getränke (ohne Alkohol) gesetzt. Hotellerie und Gastronomie in Griechenland wird in den überbleibenden Sommerwochen schwer leiden. Es sind nicht wenige Unternehmer in der Branche, die zu Entlassungen und Kürzungen greifen müssen.  

Freitag, 17. Juli

Auf diesem Plakat steht: "Er saugt seit  fünf Jahren dein Blut! Sag Nein zu ihm!" Mehr und mehr wird in Griechenland täglich der Boykott von deutschen Produkten und Firmen angeheizt. Eine bekannte deutsche Supermarktkette in Patras hat peinlich dazu beigetragen, indem sie widerrechtlich Kreditkartenzahlungen abgewiesen hat, und nur Bares annahm. In Serres öffnete die Filiale erst gar nicht. Schade für Europa, und für eine Idee der Einigung, des Wachstums und des Wohlstandes.

Donnerstag, 16. Juli

Die Banken in Griechenland sollten am Mittwoch wieder öffnen. Dann wurde das ganze auf Donnerstag verschoben. Die dritte Woche ohne Banken dauert an und somit wird seit 17 Tagen in Griechenland keine Wirtschaft geleistet. Keine Steuereinnahmen, keine Rechnungsausgleichungen gegenüber staatlichen Unternehmen (Gas, Strom, Wasser etc.), keine Mietzahlung und sowieso keine Zahlungen an Privatunternehmen. Seit 17 Tagen stehen die Griechen an den Banken Schlange um 60 oder 50 € abzuheben, sie verschwenden 1 bis 2 Stunden täglich an Produktivität.

Mittwoch, 15. Juli

Dieser junge Mann sucht nach etwas Verwertbarem in der Mülltonne. Vielleicht nicht nach Nahrung, da wird aber bestimmt der eine oder andere Metallgegenstand rumliegen, den er dann der Gießerei weiterverkaufen kann, um an etwas Geld zu kommen.

Die Banken in Griechenland sollten heute, Mittwoch wieder öffnen. Heute wurde das ganze auf morgen, Donnerstag verschoben. Die dritte Woche ohne Banken dauert an und somit wird seit 17 Tagen in Griechenland keine Wirtschaft geleistet. Keine Steuereinnahmen, keine Rechnungsausgleichungen gegenüber staatlichen Unternehmen (Gas, Strom, Wasser etc.), keine Mietzahlung und sowieso keine Zahlungen an Privatunternehmen. Seit 17 Tagen stehen die Griechen an den Banken Schlange um 60 oder 50 € abzuheben, sie verschwenden 1 bis 2 Stunden täglich an Produktivität. Morgen ist Donnerstag, schaun wir mal!

Dimitris Kourtidis heißt unser Korrespondent in Griechenland. Er ist für den EXTRA TIPP dort unterwegs, wo die Fernsehkameras nicht hinschauen, er zeigt den Lesern die düsteren Seiten Griechenlands in der Eurokrise.

Montag, 13. Juli

Die Rechnung auf dem Bild stammt nicht aus einem Baumarkt oder einer Werkstatt.

Das ist der Beleg meines Nachbarn, ein Polizist, der seine Schulden an Wohnnebenkosten belegt. Er wohnt im gleichen Hochhaus mit uns. Er wird das NIE ausgleichen können, die laufenden monatlichen Kosten werden addiert und per Handschrift wird das neue Soll aufgeführt. Hier muss ich hinzufügen, dass wir seit drei Wintern ohne Heizung leben und frieren – keine Wohnpartei hat das Geld um Heizstoffkosten zu decken.

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