Im Interview

Geschäftsführer des Börsenvereins über den Buchhandel

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Alexander Skipis ist der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Trotz Konkurrenz aus dem Internet sieht er die klassischen Buchhändler für die Zukunft gut gerüstet.

Zum ersten Mal seit Jahren entwickelt sich der lokale Buchhandel besser als der Gesamtmarkt. Andreas Skipis, Geschäftsführer des Deutschen Börsenvereins verrät, woher das neue Selbstvertrauen der Verlage kommt, und wie man mit der Online-Konkurrenz fertig werden will. Von Dirk Beutel 

Herr Skipis, wie geht es zurzeit dem deutschen Buchhandel?

Dem Buchhandel geht es sehr gut. Im vergangenen Jahr hatten wir ein leichtes Wachstum von knapp einem Prozent. Insgesamt hat die Buchbranche etwa 9,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Das sind stabile positive Verhältnisse in Deutschland. In diesem Jahr liegen wir leicht im Minus, doch wir sind zuversichtlich, weil das Weihnachtsgeschäft noch kommt.

Welchen Einfluss wird das Weihnachtsgeschäft haben?

Dort wird meist ein Viertel, manchmal sogar ein Drittel des Gesamtumsatzes des Jahres gemacht. Das hängt oft aber auch davon ab, welche Neuerscheinungen es gerade gibt und wie gut die sich verkaufen. Wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr wieder mit einem leichten Plus abschließen.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren legte das Buchgeschäft im Laden zu, um ein knappes Prozent, während der Onlinehandel 0,5 Prozent verlor. Welche Gründe können Sie für diese Entwicklung nennen?

Die gesamte Buchbranche sieht das Thema Digitalisierung und Internet als eine große Chance. Für die Buchhändler ist es eine Chance, weil sie neue Leserschichten erschließen können, weil sie einen weiteren Vertriebskanal haben, dem Kunden auch über Nacht bestellte Bücher schnell liefern können. Und für die Verleger, weil sie am Produkt Buch weiter arbeiten können. Wir haben den Anspruch, dass wir diesen Veränderungsprozess aktiv gestalten. Das scheint uns in der Vergangenheit gut gelungen zu sein. Wir haben viel investiert und gelernt, was den Onlinehandel betrifft auch von Mitbewerbern wie Amazon.

Was denn?

Die Branche befindet sich in einem riesigen Veränderungsprozess. Wer früher ein Buch kaufen wollte, musste in eine Buchhandlung gehen, woanders gab es das nicht. Davon war unsere Branche geprägt. Das ist anders geworden. Es gibt neue Vertriebswege, und das musste erst gelernt werden. Amazon hat uns im Online-Bereich vorgemacht, dass es extrem auf den Kundenservice ankommt, die Wünsche des Kunden müssen erfüllt werden. Da spielt das Thema Bequemlichkeit eine große Rolle. Ich möchte einkaufen, wann ich will. Ich möchte das Buch haben, so schnell ich will, und ich möchte gute Beratung haben. Da ist der Knackpunkt, denn gut beraten kann Amazon im Gegensatz zum stationären Buchhandel nicht, deshalb haben wir offensichtlich Erfolg mit unserer Strategie.

Wie haben sich die Händler auf die Bedürfnisse der Kunden umgestellt?

Die Buchhändler haben sich auf ihre Kernkompetenzen besonnen. Das ist die persönliche Beratung, die Vermittlung eines Einkaufserlebnisses und die sofortige Verfügbarkeit von Büchern am Ort, kombiniert mit einer Internetseite, auf der der Kunde in die komplette Bücherwelt eintauchen und einkaufen kann, wie bei jedem anderen Buchhändler auch. Und diese Kombination bietet dem Kunden einen größeren Nutzen als es ein reiner Online-Händler wie Amazon kann. Dazu kommt das angewachsene Bewusstsein in der Öffentlichkeit, welche Konsequenzen es hat bei einem Online-Händler zu kaufen. Damit hängen nicht nur die Verödung der Innenstädte, problematische Arbeitsverhältnisse, oder die Frage zusammen, wo denn da eigentlich die Steuer gezahlt wird. Ein Geschäftsmodell wie Amazon es hat, wird dazu führen, dass kulturelle Vielfalt und Qualität sinkt.

Geben Sie zu, Amazon und den Online-Handel zu Beginn unterschätzt zu haben?

Ganz klar: Ja. Aber das entscheidende bei Amazon ist, dass man Verlage jagen möchte, wie Gazellen. Amazon-Chef Jeff Bezos möchte Monopolist werden und der einzige Vermittler zwischen Autor und Leser. Das ist eine Entwicklung. die wir so nicht akzeptieren. Wir werden alles dafür tun, damit dies nicht eintritt. In Deutschland haben wir ein filigranes Buchhandelsnetz, das für Qualität und Vielfalt auf dem Markt steht. Was das angeht, sind wir ein Vorbild für andere. Immerhin ist Deutschland der zweitgrößte Buchmarkt der Welt.

In Amerika oder Großbritannien wickelt Amazon den halben Buchhandel ab, bei den E-Books ist die Marktmacht noch größer. Was können die deutschen Verlage anders machen?

Diese Märkte kann man mit Deutschland nicht vergleichen. In beiden Ländern gibt es keine Preisbindung. Und die hat eine wichtige Funktion: Bücher kosten überall dasselbe. Das schützt kleinere und mittlere Buchhandlungen. Der Gesetzgeber wollte bewusst diese Buchhandlungen erhalten. Nicht nur, damit sie wirtschaftlich überleben können, sondern weil das Vertriebssystem für Verlage extrem wichtig ist. Da wird individuell eingekauft, da gibt es persönliche Beziehungen zwischen Verlag und Händlern. Die kleineren und mittleren Verlage sind das Rückgrat der kulturellen Vielfalt in Deutschland. Sie entdecken neue Autoren und trauen sich auch einmal, das Gewagte oder Ungewöhnliche zu veröffentlichen, obwohl sie wissen, dass sie davon nicht viel verkaufen werden. Wir reden von Auflagen zwischen 500 und 1500 Exemplaren.

Dabei galt der klassische Buchhandel bereits als totgesagt.

Aber Sie sehen ja, wie sich das Blatt gewendet hat. Das können wir an Zahlen belegen, und wir können es an der öffentlichen Meinung festmachen. Vielleicht lag es an der Diskussion in den letzten Jahren, die von der These getrieben war, dass mit dem E-Book alles anders wird. Das ist vorbei. Fakt ist, dass wir uns durch unser Dazulernen neu aufgestellt und damit Erfolg haben.

Wie wird der Buchmarkt in zehn Jahren aussehen?

Vorweg: Sämtliche Prognosen der Vergangenheit sind nicht eingetroffen. Wie etwa der hohe Anteil von E-Books auf dem Markt, Buchhandlungen sterben weg und so weiter. Ich gehe davon aus, dass wir einen weiter leicht steigenden Anteil der E-Books verzeichnen werden, dass wir eine Weiterentwicklung des Produktes Buch haben werden mit den digitalen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, und dass die Buchhandlungen nach wie vor eine extrem starke Position im Buchmarkt haben werden.

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