Gehen der Region bald die Ärzte aus?

Rodgau/Dietzenbach - Wenn etwas weh tut, dann soll es schnell gehen. Der Hausarzt ist um die Ecke, und der Facharzt hat seine Praxis zumindest im gleichen Ort. Denkste. Immer mehr Arztpraxen schließen. Von Norman Körtge

Die Folge: Kilometerweites Autofahren - wenn man eines hat - und lange Wartezeiten.

Ein regelrechtes Fachärztesterben findet im Rodgau statt. In der mit etwa 43.000 Einwohnern größten Stadt im Landkreis Offenbach gibt es keinen Augenarzt mehr. Jetzt ist auch noch eine von zwei Orthopädiepraxen abgewandert, und der einzige Urologe vor Ort ist ebenfalls weggezogen. Nachfolger gibt es derzeit nicht.

Ein ähnliches Bild in der Kreisstadt Dietzenbach. "Wir stoßen mit unseren Forderungen oft auf taube Ohren", sagt Dr. Reinhold Jerwan-Keim, Obmann der Dietzenbacher Ärzteschaft. Versorgungsengpässe gebe es hier bei Orthopäden. Aber auch ein weiterer Hautarzt wäre sinnvoll, genauso wie Augenärzte.

Der Ärztemangel werde in den kommenden Jahren noch gravierender, wenn eine große Anzahl von Vertragsärzten altersbedingt aus den Praxen ausscheiden, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, heißt es von Seiten der Kassenärztlichen Vereinigung.

"Den jungen Ärzten fehlt vor allem die Planungssicherheit", erklärt Dr. Ingomar Naudts, Sprecher des Ärztenetzes Rodgau-Rödermark. Je nach Fachrichtung müssten zwischen 180.000 und 500.000 Euro investiert werden. "Bei einer Arbeitszeit von wöchentlich bis zu 70 Stunden, einem mageren Betriebsgewinn ohne entsprechende soziale Absicherung, sind viele Ärzte nicht mehr bereit, dieses Risiko einzugehen", schildert Naudts die Lage.

Minimiert wird das finanzielle Risiko in den so genannten Medizinischen Versorgungs-Zentren (MVZ) wie etwa in Seligenstadt. Dort landen meist die Arztsitze, die Investoren zuvor über Ortsgrenzen hinaus aufgekauft haben. "Fachärzte können sich dort zusammenschließen und eine operative Einheit bilden", nennt Naudts einen Vorteil.

Doch Naudts sieht die MVZ eher skeptisch. "Es ist zu befürchten, dass größere Firmen MVZ betreiben und den Krankenkassen Leistungen zu Dumpingpreisen anbieten. Möglicherweise geht es hier um die Optimierung der Entgelte und nicht um die Optimierung der Versorgung von Patienten", befürchtet er.

"Leidtragender ist auf jeden Fall der Patient", sagt Jerwan-Keim über das ausgedünnte ärztliche Netz. Gerade Menschen ohne Auto wird der Weg zum nächsten Arzt erschwert. Mit einer alternden Bevölkerung wird dieses Problem noch wachsen.

"Die wenigen örtliche Praxen sind oft total ausgebucht", berichtet der Dietzenbacher Arzt über lange Wartezeiten bis es zur Behandlung kommt - eben nicht nur bei Fachärzten, sondern auch bei Allgemeinmedizinern.

Naudts warnt deshalb vor britischen Verhältnissen: "In Großbritannien ist die Basisversorgung im allgemeinen medizinischen Bereich nahezu zusammengebrochen", berichtet er. Durch eine massive Anhebung der Arzthonorare sollen Ärzte nun bewegt werden, die Versorgung wieder aufzubauen.

Mögliche lokale Alternativen zur Abwanderung sind Ärztezentren. Also ein Haus, indem mehrere Fachrichtungen vertreten sind. Sowohl in Nieder-Roden als auch in Dietzenbach sind solche Projekte in der Planung.

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