Tafel-Chefinnen stellen klar

Futterneid an der Essensausgabe: „Flüchtlinge haben keine Schuld“

Region Rhein-Main – Immer wieder meckern Tafel-Besucher über zu wenig Lebensmittel. Als Schuldige haben sie die Flüchtlinge ausgemacht. „Aber das ist völliger Quatsch“, sagt die Frankfurter Tafelchefin Edith Kleber. Von Christian Reinartz

Tafel-Chefin Christine Sparr sieht sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, Flüchtlinge seien dafür verantwortlich, dass die Tafel-Tüten zur Zeit nicht ganz so voll sind.

„Frechheit“, ruft Enno über die Schulter in Richtung der Schlange, die vor der Offenbacher Tafel an der Kraftstraße steht. Enno ist sauer. Der 53-Jährige holt dort seine Lebensmittel seit vier Jahren ab. Woche für Woche bekommt er zwei bis drei Tüten. Diesmal sind es nur eineinhalb. „Mehr gab’s nicht“, sagt Enno. „Die Flüchtlinge sind schuld. Die kriegen jetzt auch unser Essen, und für uns bleibt nichts mehr übrig.“

Mit solchen Ansichten wird die Offenbacher Tafel-Chefin Christine Sparr fast täglich konfrontiert. Sie sagt: „Auch Flüchtlinge bekommen bei uns Essen, wenn sie es benötigen.“ Dasselbe gilt auch für die Frankfurter Tafel, wo ihre Kollegin Edith Kleber mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert wird. „Aber an denen ist rein gar nichts dran“, sagt Kleber. „Es ist schlicht und einfach falsch, dass irgendjemand weniger bekommt, weil jetzt ein paar Flüchtlinge zu uns kommen.“ Ohnehin sei die Zahl verschwindend gering. In ganz Frankfurt seien es vielleicht hundert. „Das ist für uns vernachlässigbar“, sagt Kleber. Ein Run von Flüchtlingen, wie oft kolportiert, gebe es definitiv nicht.

„Es ist schlimm, was ich mir da manchmal anhören muss“

Zu Christine Sparr kommen wenn überhaupt nur Einzelfälle. „Die werden hier in Offenbach doch alle vollversorgt, sodass sie auf unser Angebot gar nicht angewiesen sind.“ Dennoch hält sich das Gerücht bei den Hartz-IV-Empfängern und übrigen Tafelkunden hartnäckig. „Es ist schlimm, was ich mir da manchmal anhören muss“, klagt Sparr. „Und wenn man versucht, es den Menschen zu erklären, wollen sie das oft gar nicht hören. Die suchen einfach einen Schuldigen, und die Flüchtlinge kommen da gerade recht.“

Dabei liegen die Gründe für die geringen Lebensmittelmengen ganz woanders: In der Jahreszeit. Edith Kleber weiß: „Das ist seit Jahren so.“ Immer in den ersten Monaten seien die Spenden knapp. „Das kann sich bis nach Ostern ziehen.“ Danach werde es besser.

Doch auch, wenn es zur Zeit keine Flüchtlingsproblematik an den Tafeln gibt, ganz ausschließen will es Edith Kleber für die Zukunft nicht. „Ich weiß ja nicht, was morgen passiert. Aber eines muss klar sein: Für uns ist es egal, woher jemand kommt, oder ob er Hartz-IV-Empfänger ist oder nicht.“ Christine Sparr: „Jeder Mensch in der Not hat das gleiche Recht auf unser Essen. Wer das nicht akzeptiert und versteht, hat bei uns nichts zu suchen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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