Heiligabend auf der Frühchen-Station:

Wo der Geist der Weihnacht am stärksten ist

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Für Frühchen, wie den kleinen Benedikt, ist die Nähe zu den Eltern das Wichtigste.

Frankfurt – Die ganz schweren Fälle liegen unter Plexiglaskuppeln am Ende des Gangs. Die Beatmungsmaschine surrt leise vor sich hin. Schläuche ragen aus Nase, Mund und Bauch. Von Christian Reinartz

Der EXTRA TIPP durfte jetzt einen Blick hinter die Kulissen der Frühchenstation des Klinikums Höchst werfen und hat gemerkt, dass der Geist der Weihnacht dort am stärksten ist, wo klitzekleine Babys um ein Leben kämpfen, das viel zu früh begonnen hat.

Benedikt wiegt nur 1000 Gramm

Benedikt sollte eigentlich noch im behütenden Bauch seiner Mutter sein. Stattdessen liegt er in einem Brutkasten. Sein erstes Weihnachten hätte anders aussehen sollen. Doch statt bis März zu warten, drängt Benedikt schon in der 26. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Knapp 1000 Gramm schwer ist das kleine Menschen-Bündel, das eingemummelt in einer Frottee-Decke inmitten des Plexisglaskastens liegt. Er schläft unruhig, die Äuglein wandern unter den Liedern hin und her, der winzige Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, angetrieben von der Beatmungsmaschine. Über den Brutkasten haben die Eltern einen kleinen Plüsch-Engel gehängt. Benedikt soll merken, dass Weihnachten ist.

Alle paar Minuten geht ein Alarm los

Denn für Weihnachtsfeiern ist auf der Frühchenstation des Höchster Klinikums nicht wirklich Zeit. Alle paar Minuten geht im Schwesternzimmer ein Alarm los. „Dann müssen wir sofort schauen, was nicht in Ordnung ist“, erklärt Tina Schlosser. Die junge Frau mit dem breiten Lächeln ist die stellvertretende Stationsleiterin und arbeitet seit 13 Jahren mit Frühchen. Oft ist nur eine Sonde abgefallen, manchmal gibt es aber auch Komplikationen. Fast jedes Jahr hat sie an Weihnachten Dienst, versucht, den Frühchen ihr erstes Fest so angenehm wie möglich zu machen. Als Schlosser davon erzählt, wird ihr Lächeln schmaler.

Viele Frühchen sind an Weihnachten allein

„Auch wenn wir hier arbeiten, gehen die Schicksale nicht spurlos an uns vorüber. Und an Weihnachten ist das halt alles noch einmal viel emotionaler“, sagt sie. Sie berichtet von Eltern, die ihre Kinder auch während der Feiertage nur wenig besuchen. Ihr Lächeln ist verschwunden. „Wenn so ein Kleines an Weihnachten ganz allein ist, dann ist der Kloß im Hals besonders dick.“ Aber es gebe auch die vielen anderen Eltern. Die, die sich kümmern, die am liebsten von morgens bis abends am Brutkasten ihres Kindes sitzen würden.

Weihnachtliche Musik erklingt auf der Station

„Gerade an Weihnachten bringen viele Eltern Bücher mit und lesen ihren Kindern vor“, sagt Stationsarzt Dr. Johannes Eisen und überprüft Benedikts Sauerstoffzufuhr. „Die Stimme der Eltern kann schon viel bewirken.“ Bei jedem Handgriff meint man dem jungen Arzt mit den roten Haaren anzumerken, dass er mit seinen Frühchen fühlt. Dass diese für ihn mehr sind, als bloße Patienten. „Diese Säuglinge stehen ganz am Anfang ihres Lebens“, sagt Eisen eindringlich. „Und unsere Aufgabe ist es, alles zu tun, damit sie später ein ganz normales Leben leben können.“ Und dazu gehöre es auch, die Kinder spüren zu lassen, dass Weihnachten eine besondere Zeit sei. Denn es seien immer wieder kleine, einfache Dinge, die den Mediziner verblüfften. „Wir legen die Kinder den Eltern direkt auf die Haut“, erklärt der Mediziner. Das sogenannte Kangorooing stärkt die Beziehung zu den Eltern. Zusätzlich läuft während der Feiertage auch weihnachtliche Musik auf der Station. Eisen ist von der positiven Wirkung überzeugt: „Sowas bewirkt manchmal mehr, als all unsere Technik. In solchen Momenten sind die Kinder oft am stabilsten.“

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