Freizeit-Oase Friedhof

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Joggen auf dem Friedhof ist für Trauernde eine störende Sache.

Frankfurt – Mit dem himmlischen Frieden ist es vorbei: Immer mehr Frankfurter nutzen die Friedhöfe der Stadt zum Joggen, Radeln und Sonnenbaden. Für Trauernde ein störender Anblick, aber die Stadt schreitet nicht ein. Von Mareike Palmy

Im Minutentakt fahren Fahrräder über die Friedhofswege.

„Der Hauptfriedhof ist für viele Stadtbewohner ein Erholungsbereich geworden“, sagt Harald Hildmann vom Grünflächenamt, „es ist auffällig, dass er vermehrt als grüne Freizeitanlage genutzt wird“, so der stellvertretende Friedhofsverwalter.

Ob Jogger, Mütter mit Kinderwagen, Studenten die Boule spielen, Spaziergänger, Hundebesitzer, Picknicker, Liebespaare oder Radfahrer - Frankfurter sehen mittlerweile ihre Friedhöfe weniger als Orte der letzten Ruhe, sondern schätzen sie vielmehr als Park- und Naturanlage: „Beim Joggen bekommt man hier nix von der Hektik der Stadt und dem Verkehr mit. Ich empfinde mein Tun nicht als störend oder unangebracht“, verteidigt sich eine Joggerin, die unerkannt bleiben möchte.

Jeden Tag hecheln Läufer über die Kieswege des Hauptfriedhofs. Meistens sind es junge Frauen, die in ihrer Fitnesswut nicht einmal vor Trauerzügen Halt machen. „Die Leute nutzen den Friedhof als Abkürzung“, weiß Hildmann.

Auch viele Radler lassen sich nicht von den Trauernden aufhalten: „Die rasen hier durch im Minutentakt. Manche klingeln sogar und das trifft auf alle Friedhöfe zu“, wundert sich Harald Hildmann über die Pietätlosigkeit der Friedhofsbesucher. Trauernde fühlen sich dadurch natürlich gestört. Massive Beschwerden gab es aber noch keine.  Die  Friedhofsverwaltung schreitet dann auch ein. Doch gegen das neue Freizeitverhalten der Frankfurter sind Hildmann und seine Kollegen machtlos. Kontrollgänge sind Pflicht, aber „den meisten kommen wir gar nicht hinterher. Und wenn doch, sehen sie oft nicht ein, dass sie einen Fehler gemacht haben. Manche werden sogar rabiat. Man muss aufpassen das man keine Luftpumpe abbekommt“, sagt der 48-Jährige. Eine Lösung könnten Drehtüren an den Eingängen sein. Denn Infotafeln und Hinweisschilder werden ignoriert.

Auch abseits der Wege wird es nicht besser. Da geht es zu wie am Strand und auf dem Sportplatz: Schönheiten sonnen ihre blassen Nasen, Kinder sammeln Laub, Nordic-Walker stöckeln durch die Grabreihen. „Ich spaziere oft mit den Kindern über den Friedhof. Unser Verhalten passen wir aber dem Ort entsprechend an. Rennen und toben ist hier nicht“, sagt Lutz Kastner, der ganz in der Nähe wohnt und gerne zwischen den Gräbern mit seinen Söhnen flaniert.

Dabei muss man nicht mal morbide veranlagt sein, um hier gerne zu spazieren  und sich wohlzufühle. Schließlich ist der Hauptfriedhof mit seiner Größe von 70 Hektar, seinen über 6000 Bäumen und den 24 Kilometer Asphaltweg ein idyllischer Ort mit kulturhistorischem Wert. „Friedhöfe sind besondere Orte, die zwar als Grünanlagen ausgewiesen sind. Ruhe und Rücksicht sind aber angebracht. Das sollte auch so bleiben“, so Hildmann.

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