Frankfurter Seelsorgerin für Flüchtlinge erzählt

„Oft herrscht große Angst vor der Rückkehr in die Heimat“

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Seelsorgerin Anke Leuthold kümmert sich am Flughafen um Flüchtlinge und erlebt hautnah, welche Schicksale dahinter stehen.

Seit 2013 arbeitet Pfarrerin Anke Leuthold als Seelsorgerin beim Kirchlichen Flüchtlingsdienst der Diakonie Frankfurt am Flughafen. Sie spricht mit dem EXTRA TIPP über schockierende, aber auch schöne Erlebnisse, die ihr Mut machen. Von Oliver Haas

Nach dem Anschlag in Paris ist die Angst bei vielen Menschen größer geworden, dass durch die Flüchtlinge mehr Terroristen nach Deutschland kommen könnten. Wie beurteilen Sie diese Sorge?

Es ist wahr, dass auch Deutschland sich nicht komplett schützen kann vor radikalisierten und damit gefährlich ideologisierten Menschen. Man darf aber nicht vergessen, dass die überwältigende Mehrheit der nach Europa fliehenden Menschen muslimischen Glaubens, selber auf der Flucht sind, vor dem Radikalismus in ihren Heimatländern. Sie suchen einen Ort, an dem sie friedlich ihrem Leben und ihrer Religion nachgehen können.

Was halten Sie von der Forderung, dass man in Unterkünften christliche und muslimische Flüchtlinge zur Konfliktvermeidung trennen müsste?

Gar nichts! Denn solche Konflikte zwischen den Religionen bestehen vielleicht in unseren Köpfen, aber nicht in der Lebenspraxis. Die Gewalt, die wir im Fernsehen sehen, geht von radikalen Verrückten aus, die vorgeben Muslime oder Christen zu sein. Es gibt natürlich Konflikte auch unter Flüchtlingen auf engem Raum. Die haben aber nichts mit der unterschiedlichen Religion zu tun, sondern mit vielen Stressfaktoren, denen die Menschen ausgesetzt sind.

Um was sorgen sich die Flüchtlinge hauptsächlich?

Viele Menschen leiden unter starkem Heimweh, sie vermissen ihre Familien sehr, haben oft noch nie außerhalb des Familienverbandes ihre Stadt und Region verlassen. Die Sorge um die Daheimgebliebenen beschäftigt vor allem Menschen aus Syrien, aus Kriegsregionen und den Gebieten, in denen der sogenannte Islamische Staat oder andere radikalislamische Gruppen auf dem Vormarsch sind. Außerdem haben viele in der Heimat und auf der Flucht traumatisches erfahren, wie Gewalt und Missbrauch. Außerdem belasten viele geflüchtete Menschen starke Schuldgefühle, weil sie etwa die Eltern und Kinder zurück lassen mussten, um die Flucht zunächst für eine Person bezahlen zu können.

Was sind die eindrücklichsten Erlebnisse, die Ihnen geschildert wurden?

Vieles werde ich nie vergessen, zum Beispiel die Erzählung über die Erschießung eines jungen Mannes außerhalb von Kabul. Er sei zuvor aus dem Fahrzeug gezerrt worden und auf die Knie gezwungen worden, weil er den Taliban nicht sagen wollte, wo sein gesuchter Bruder sich aufhält. Dieser Bruder wurde aus politischen Gründen verfolgt. Nach seiner Flucht kam er bei uns am Flughafen an und erhielt die Schilderung dieser Ermordung von seiner eigenen Mutter, die mit im Fahrzeug gewesen war. Oder die Schilderung einer Demütigungszeremonie einer jungen Frau aus Tansania. Als ihre lesbische Beziehung bekannt geworden war, wurde sie von vielen wütenden, schreienden und spuckenden Menschen mit Steinigung bedroht. Sie erzählte mir dann, dass sie in Alpträumen nächtlich ihr eigenes Gesicht gesehen habe, das mit blutunterlaufenen Augen und von Steinen zertrümmert war.

Gibt es Momente, bei denen Sie an Ihre Grenzen stoßen?

Ja, die gibt es immer wieder. Zum Beispiel bei Schilderungen wie den eben beschriebenen. Die Menschen, die sich mir so anvertrauen, stehen dann ja nicht auf und verlassen unser Gespräch, sie bleiben, weinen, zittern oder schweigen einfach nur. Und hoffen auf Hilfe und Trost. Was mich immer wieder an meine Grenzen bringt, ist die seelsorgerliche Begleitung der Menschen, die am Flughafen nach ihrer Asylanhörung abgelehnt werden. Oft haben sie große Angst vor der Rückkehr ins Heimatland und sind sehr verzweifelt, dass ihnen hier nicht geglaubt wird. Sie suchen sich dann Hilfe bei mir als Pfarrerin im Gebet, im Segen, mit der ganz starken Hoffnung, dass doch noch irgendetwas ihre Situation wenden möge.

An welche schönen Momente während Ihrer Arbeit als Seelsorgerin können Sie sich erinnern?

Oh, da gibt es viele! Kürzlich ist mir ein kleines syrisches Mädchen entgegen gelaufen und auf den Arm gesprungen, hat den Kopf an meine Schulter gelegt und sich die nächsten fünf Minuten an mich geschmiegt. Ich konnte spüren, wie sie still genossen hat, dass ich ihr einfach den Rücken gestreichelt habe. Das war schön! Oder vergangene Woche, als mich ein iranischer Mann abends angerufen hat, der mich am Flughafen immer zum Gebet aufgesucht hatte. Er hatte in diesem Moment erfahren, dass er nun endlich nach Gießen einreisen durfte. Er konnte vor Begeisterung und Erleichterung kaum klar sprechen und hat immer nur „Giessen, Giessen“ und „Thank you God!“ gerufen. Ich konnte richtig zuhören, wie er vor Freude durch den Flur hüpft!

Aufgrund Ihrer Erfahrung als Seelsorgerin: Was sind die häufigsten falschen Vorstellungen, die die Menschen in Deutschland über Flüchtlinge haben?

In den vergangenen Monaten erlebe hier in Frankfurt weniger Menschen, die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen hegen, sondern hoch motivierte Menschen, die freiwillig helfen. Die häufigsten falschen Vorstellungen sind, dass Flüchtlinge überwiegend ungebildet oder nur geringfügig ausgebildet nach Deutschland kommen. Das trifft auf einen Teil der Menschen zwar zu, aber ich erlebe ebenso viele bestens ausgebildete, hoch qualifizierte und langjährig berufserfahrene Leute, vom Bauingenieur, über die Informatikerin bis zum Spezialisten für Intensivmedizin.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit über Flüchtlinge bislang am meisten überrascht?

Meine Überraschung ist immer wieder, wie Menschen, die Schlimmes hinter sich haben innerhalb dieser hier erzwungenen Gemeinschaft auf Zeit sich gegenseitig unterstützen. Man hört sich zu, beaufsichtigt die Kinder des Anderen und geht respektvoll miteinander um, oder tröstet den weinenden Tischnachbarn – völlig unabhängig von dessen Herkunft oder Religion. Kinder wie Erwachsene wollen begeistert Deutsch lernen. Ich bin oft fasziniert, wie schnell und gut ich dann am nächsten Tag auf Deutsch begrüßt werde. Immer wieder überrascht mich das Durchhaltevermögen von Menschen und die Kraft etwas zu überstehen und daran nicht zu zerbrechen. Die Flüchtlinge, die ich kennen lerne, sind oft so widerstandsfähig, dass ich Gott bitte, mich im Zweifelsfall auch einmal so stark zu machen.

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