Proteste vor offizieller Unterzeichnung

Pakt für den Nachmittag treibt Frankfurter Schüler auf die Straße

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Schüler protestierten vor der Textorschule.

Frankfurt - Fauler Kompromiss oder gute Entscheidung: Der Pakt für den Nachmittag stößt in Frankfurt auf ein geteiltes Echo. Befürworter und Gegner des Betreuungskonzepts trafen nun vor der offiziellen Unterzeichnung in der Textorschule aufeinander.

Größer könnten die Gegensätze kaum sein: Vor der Textorschule protestierten Hunderte überwiegend schwarz gekleidete Schüler, Lehrer und Eltern aus der Carl-Schurz-Schule, der Freiherr-vom-Stein-Schule, der Ziehen- und der Schillerschule gegen Bildungsabbau. In der Turnhalle der Textorschule empfingen derweil Grundschüler den Hessischen Kultusminister Alexander Lorz zur Unterzeichnung des „Paktes für den Nachmittag“ mit freundlichen, mehrsprachigen Liedern. Der Pakt soll ab dem Schuljahr 2015/16 ein verlässliches und verzahntes Bildungs- und Betreuungsangebot von 7.30 bis 17 Uhr an ausgewählten Grundschulen bieten, wie es in der Mitteilung des Dezernats für Bildung und Frauen heißt.

Oberbürgermeister Peter Feldmann verspätete sich: Er nahm sich kurz Zeit, um mit den Protestierenden zu sprechen. Für die Demonstranten geht der Pakt auf Kosten ihrer Bildung und wird durch Kürzung der Mittel an weiterführenden Schulen finanziert.

Weniger Geld für Gymnasien

Tamara Neckermann, Leiterin der Textorschule, begrüßte Minister Lorz, Oberbürgermeister Feldmann, Bildungsdezernentin Sarah Sorge und die Vertreter der zehn Schulen, die am Pakt für den Nachmittag teilnehmen. Neben der Textorschule sind das die Grundschulen Riedberg eins und zwei, die Konrad-Haenisch-Schule, die Albrecht-Dürer-Schule, die Henry-Dunant-Schule, die Dahlmann-, die Hostato-, die Diesterweg- und die Rebstockschule. „Der Prozess, der zum Pakt für den Nachmittag in Gang gekommen ist, wird etwas bewegen und regt an, über das Schulsystem nachzudenken“, sagte Neckermann. „Wenn wir der Aufforderung, vom Kind aus zu denken, gerecht werden wollen, müssen wir die Schüler einbeziehen“, unterstrich die Schulleiterin. Dann übernahm Schülerin Martha das Mikrofon und bat zunächst den Minister ans Rednerpult. Lorz bezeichnete den Pakt für den Nachmittag als „wichtigen Baustein“ und „fast Quantensprung in der Bildungspolitik“. Der Pakt sei als weitaus größtes Bildungsprojekt des Landes mit 145 zusätzlichen Stellen ein Projekt für die Familien und ermögliche es, Beruf und Kinderbetreuung besser zu vereinbaren. Doch vor allem sei er mehr als Betreuung, ein Bildungsangebot auf hohem Niveau. So ein Beschluss könne nur in Kooperation von Kommunen, den Schulträgern also, und dem Land gefasst werden. „Die Stadt Frankfurt hat viel getan“, betonte Lorz. Insgesamt seien in Hessen bereits 1 700 Lehrer zusätzlich für das Ganztagsprogramm eingestellt worden, man wisse jedoch sehr wohl, dass dies nicht ausreiche und die Entwicklung zu langsam voranschreite. Es müsse mehr in Grundschulen investiert, Ressourcen zusammengeführt werden. „Die zehn Pilotschulen, die mit dem Schuljahr 2015/16 am Pakt für den Nachmittag in Frankfurt teilnehmen, sind nur der Anfang“, sagte der Minister. „Die Demonstrationen für mehr Bildung sind gut. Aber wir müssen auch sehen, was machbar ist und wo die Prioritäten liegen. Demos machen keinem Minister Spaß, werden aber im Hinblick auf den Pakt in Kauf genommen.“ In den Gymnasien werde vorsichtig gekürzt; eine Entscheidung, die nicht leicht fiel. „Aber sie ist verantwortbar und ich vertrete sie gern“, sagte Lorz weiter.

Peter Feldmann ergänzte angesichts der Demonstration vor der Schule: „So sind die Frankfurter. Auch der Oberbürgermeister schimpft mit dem Minister, aber auf andere Art und Weise.“

Betreuungsangebot kann Bedarf nicht decken

15 000 Menschen, so viele Einwohner wie der Taunusort Schwalbach habe, kämen jährlich zusätzlich nach Frankfurt. Die Mainmetropole sei teuer, deshalb müssten beide Eltern häufig arbeiten. „Gerade die Mütter reduzieren oft ihre Stunden, damit sie die Kinder betreuen können“, sagte Feldmann. Der Pakt versuche, eine Antwort auf den Betreuungsknick zwischen Kindertagesstätte und Schule zu geben. In anderen Ländern sei eine Nachmittagsbetreuung normal – die Stadt Frankfurt trete somit nicht als Bittsteller auf, um Außergewöhnliches zu erreichen. Frankfurt leiste viel: Fast 50 Prozent der Grundschulkinder werden am Nachmittag betreut. Doch tatsächlich brauchen 70 Prozent solche Angebote. 75 Millionen Euro gibt die Stadt für diese Betreuung zwischen 7.30 und 17 Uhr aus, knapp fünf Millionen Euro kommen vom Land: „Das könnte mehr sein“, kritisierte der Oberbürgermeister. Und stellte fest: „Der Pakt allein wird das Problem nicht lösen. Ideal wäre eine Betreuungsgarantie bis 17 Uhr für alle, die das wünschen.“

jf

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