Interview mit der Kulturmanagerin Dorothée Arden

„Mit der Angst vor dem Rotstift muss man leben“

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Kultur ist immer irgendwie bedroht: Dorothée Arden wünscht sich trotz aller Sparzwänge jedoch mehr Fingerspitzengefühl von den Kommunen bei der Verteilung der Fördermittel.

Frankfurt - Dorothée Arden übernimmt ab Januar die Geschäftsleitung der Frankfurter Käs. Die Kulturmanagerin, spricht über kommunale Sparmaßnahmen, kulturelle Vielfalt und ihren Wunsch, dass sich das Land finanziell mehr engagiert. Von Dirk Beutel

Der Sparzwang vieler Kommunen schlägt um sich. Wie viel Kultur muss sich eine Stadt leisten können?

Jede Stadt sollte sich Kultur leisten. Denn sie ist die Basis der Gesellschaft und Grundstock der Kreativität und bringt am Ende auch wieder Geld in die Wirtschaft. Das ist ein Kreislauf. Kultur beginnt da, wo die Kinder lesen oder tanzen lernen und später mit ihren eigenen Ideen neue Dinge auf den Weg bringen, die Deutschland zum Kreativitätsstandort machen.

In Frankfurt wurde das Theater am Turm geschlossen, das Frankfurter Ballett-Ensemble abgeschafft. Muss man als Kulturschaffender die Angst vor dem Rotstift einfach hinnehmen?

Beim Ballett hat man ja im Nachhinein bereut, dass man William Forsythe als Leiter des Ensembles hat gehen lassen. Es war ein Leuchtturmprojekt. Diese Angst, von der Sie sprechen muss man, glaube ich, hinnehmen, mit ihr leben. Man denke nur an die vielen Schauspieler, die unterhalb des Existenzminimums leben und meistens nur einen Vertrag für eine Saison bekommen. Andererseits gibt es Einrichtungen, die sehr stark gefördert werden und denen es an kreativem Schwung und Innovation fehlt. Am Geld allein kann es also nicht liegen. Kreativ werden muss man ja auch, wenn man nichts mehr hat. Ob ich nun 500 oder 1000 Euro zur Verfügung habe, da kann ich immer noch etwas auf die Beine stellen. Aber natürlich ist irgendwann die finanzielle Schmerzgrenze erreicht.

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Sie haben 17 Jahre lang beim Kronberger Kulturkreis gearbeitet. Auch dort wurde massiv gespart.

Irgendwann kann eine Stadt nicht mehr über ihre Verhältnisse leben und muss genau überlegen, wo gebe ich wie viel Geld für was aus. Die Kultur hat nunmal den Stand, dass man sie als freiwillige Leistung sieht, und deshalb kann dort gekürzt werden. Eine Stadtbücherei habe ich schnell geschlossen. Wenn ich das ganze aber wiederbeleben muss, weil die Kinder nicht mehr lesen können, dann wäre sogar eine ganze Generation irgendwann kaputt. Das ist viel schlimmer, als wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und schauen muss, wie man als Kulturschaffender zurechtkommt. Lieber auch mit weniger Geld etwas anbieten und ein paar Projekte weglassen, als wenn gar nichts mehr da ist.

Kann sich eine Stadt auch ihr Ansehen kaputtsparen, wenn bei Kulturangeboten der Gürtel immer enger geschnallt wird?

Politiker und Kämmerer müssen sich damit in ihren Haushaltsberatungen auseinandersetzen und sehr genau überlegen, was man zerstört, wenn man hier 5000 Euro streicht und dort nochmal 2000 Euro. Es geht ja nicht nur um Geld, sondern auch um Inhalte und wen ich damit erreiche. Das ist es eben: Sparen ja, aber ohne etwas kaputtzumachen. Man muss allerdings bei jeder Institution individuell schauen, wie weit man gehen kann. Wenn ich beim Theater XY nochmal 1000 Euro wegnehme, ist das Projekt gestorben, während bei anderen noch ein gewisser Puffer vorhanden ist. Wenn der Schaden erst einmal angerichtet ist, wird es schwer, das Ansehen wieder zu sanieren.

In Frankfurt wird gerne mal ein Graben gezogen, zwischen der freien Kulturszene und den etablierten Bühnen und Museen. Wie empfinden Sie diese Zweiteilung?

Diesen Graben nehme ich durchaus wahr: Zwischen der freien Szene und Häusern wie der Alten Oper oder dem Schauspiel. Ich gehe selbst gerne ins Schauspiel. Aber es sollte ja alles geben. Wenn jeder so arbeiten würde, wie das Schauspiel, gebe es die anderen, kleinen Institutionen gar nicht, weil dann einfach nicht genug Geld da wäre. Und so gibt es eben verschiedene Gedanken, Konzepte und andere Arbeitsweisen, mit denen man auch viel erreichen kann.

Aber drohen trotzdem nicht die kleinen, alternativen Angebote zu versinken?

Ein Problem wäre, wenn es irgendwann tatsächlich nur noch die großen Prestigeträger gibt. Denn dann fehlt die Vielfalt in einer Stadt. Und die darf man nicht aus dem Blick verlieren. Wenn ich keine bunt gemischte Kulturszene habe, dann ist es für die Menschen nicht mehr attraktiv. Man kann dann nicht mehr sagen: Frankfurt hat alles, such dir etwas aus, dass dir gefällt.

Kann es beim Kulturangebot so etwas wie interkommunale Zusammenarbeit geben?

Kronberg arbeitet bereits mit Königstein und Steinbach interkommunal zusammen. Die Standesämter werden zusammengelegt und auch auf dem kulturellem Sektor will man sich an einen Tisch setzen. Was es schon gibt, ist der Drei-Burgen-Weg, ein Wanderweg der die Burgen Kronberg, Falkenstein und Königstein verbindet. Das wird gemeinsam organisiert und beworben. Auch der Opel-Zoo liegt zwischen Kronberg und Königstein, da wird die Arbeit auch geteilt. Eine Ebene tiefer gibt es längst gemeinsame Arrangements zwischen Bühnen und Theatern. Man achtet aufeinander in der Szene und schaut, wo man zusammen etwas erreichen kann.

Ein Mittel um Budgets zu erhöhen wäre Sponsoring.

Eine gute Sache, die aber auch Zeit kostet. Zumal die potenziellen Sponsoren ja ebenfalls unter der wirtschaftlichen Lage zu leiden haben. Deshalb ist die Akquise heute schwieriger als noch vor wenigen Jahren. Und muss neben dem Alltagsgeschäft bewältigt werden, weil eine Bühne wie die Käs ja niemanden dafür einstellen kann. Ein weiterer Punkt: Wenn sich ein Sponsor findet, möchte er sich vielleicht in die Inhalte einmischen. Aber wir wollen als künstlerische Leitung frei bleiben.

Sollte sich das Land nicht stärker finanziell an der Kulturszene beteiligen?

Die Kultur sollte immer in der Hand der Kommunen liegen. Wenn man sich die kommunale Selbstverwaltung ansieht, wäre es eigentlich sinnvoller, wenn das Land Hessen die Kommunen besser finanziell ausstattete.

Ist das Konzept eines regionalen Rhein-Main-Kulturfonds da überhaupt sinnvoll?

Da bin ich zwiegespalten. Wenn man die Region Rhein-Main vermarkten möchte, ist es sinnvoll, weil es die einzelnen Institutionen nicht schaffen, diese Region europaweit zu vermarkten. Das kann niemand alleine. Allerdings kann ich dann aber nur Projekte machen, die überregional wichtig sind und auffallen. Wenn aber Geld fehlt und es nur noch an die Großprojekte geht, während die kleinen hinten herunterfallen, dann kommen wir in die Bredouille.

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