Vor Gericht

Frankfurter Initiative unterstützt Sex-Opfer

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Rote Karte zum Opferabo und der Opferindustrie: Beides Begriffe, die Jörg Kachelmann und seine Frau Miriam in Verbindung mit einer männerverurteilenden Justiz brachte. Corina Haurová (links) und Gunhild Mewes protestieren vor dem Frankfurter Landgericht.

Frankfurt – Beobachten, bewerten, berichten: Eine neu gegründete Initiative will Opfer sexueller Gewalt unterstützen. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist das Verfolgen von Gerichtsprozessen und ob diese tatsächlich gerecht verhandelt werden. Von Dirk Beutel

Ohnmacht, Frust, Unverständnis – so fühlte sich vermutlich eine junge Frau am Ende eines Vergewaltigungsprozesses, nachdem ihr Peiniger vom Landgericht Kassel Ende 2012 freigesprochen wurde. Und das, trotz fragwürdiger Indizien. Auf der anderen Seite muss sich derzeit Heidi K. am Landgericht Darmstadt verantworten. Die Lehrerin hatte behauptet, von ihrem Kollegen im Biologievorbereitungsraum der August-Georg-Zinn-Schule in Reichelsheim vergewaltigt worden zu sein – und bekam Recht. Nach fünf Jahren im Gefängnis stellte sich allerdings heraus, dass die 48-Jährige offenbar alles erfunden hatte.

Der schmale Grad der Vergewaltigung. Wenn es überhaupt zu einer Anzeige kommt, die es bis vor einen Richter schafft, stehen oftmals Aussage gegen Aussage. Etwa 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen erleben sexuelle Gewalt. Da nicht wenige Frauen mehrfach genötigt oder vergewaltigt werden, liegt die Quote der polizeilich angezeigten Fälle bei unter fünf Prozent, heißt es vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. Nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden in Deutschland nur 13 Prozent aller Vergewaltiger verurteilt. Und wenn, kommen sie mit einer Bewährungsstrafe davon, während die Opfer meist für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, nachdem sie ihr Sexualleben öffentlich gemacht und einen Spießrutenlauf in der Öffentlichkeit, nicht selten auch im Familien- und Bekanntenkreis, hinter sich haben.

Einsatz für gerechte Gerichtsverfahren

„Wir wollen für die Opfer etwas Schützenhilfe leisten,“ sagt Corina Haurová. Sie ist eine von derzeit fünf Frauen, die vor etwa einem Jahr die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt gegründet haben. Ihr Ziel: Vergewaltigungsprozesse beobachten, bewerten und darüber berichten. Welche Gesetze wurden angewendet oder nicht? Kam es zu Umformulierungen: Von der Vergewaltigung zu sexueller Nötigung oder Körperverletzung? Wie war der Umgang mit der verletzten Zeugin? Gab es Absprachen zwischen Richter und Strafverteidiger? Auf jeden Fall bemängelt die Initiative schon jetzt die mangelnde Rechtsberatung der Opfer. „Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass man seinen Gutachter wechseln darf“, sagt Haurová.

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Unter diesen Aspekten wollen sich die Helfer von der Seitenlinie für gerechte Gerichtsverfahren einsetzen – möglichst bundesweit. Doch das Netzwerk ist noch nicht soweit. Im Gegenteil. Man stehe erst am Anfang. Vor allem mangelt es noch an der wichtigsten Ressource: Zeit. „Wir sind noch zu wenige, als dass wir genügend Prozesse begleiten könnten“, sagt Gunhild Mewes, eine der Mit-Initiatorinnen. „Das Justizsystem ist ein behäbiger Apparat, der sich nur langsam ändern lässt. Aber wir wollen den Kampf aufnehmen, wenn er auch noch so zäh ist.“

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