Sprunghafter Anstieg bei den Hilferufen

Frankfurter Frauennotruf an der Belastungsgrenze

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Immer mehr Betroffene holen sich Hilfe beim Frankfurter Frauennotruf. Vor allem das Thema digitale Gewalt bereitet vielen Opfern Kummer.

Region Rhein-Main – Immer öfter werden die Mitarbeiter des Frankfurter Frauennotrufs um Hilfe gebeten. Vor allem Opfer von Körperverletzungen, Vergewaltigungen und digitaler Gewalt melden sich. Doch die steigende Zahl an Beratungen bringt die Helfer an ihre Grenzen. Von Dirk Beutel

Körperverletzung, Stalking, Erpressung im Internet: Die Bandbreite der Probleme, mit denen sich der Frankfurter Frauennotruf auseinander setzen muss, wird von Jahr zu Jahr größer. „Wir verzeichnen generell einen enormen Anstieg“, sagt Andrea Bocian von der Beratungsstelle. Schon nach dem ersten Halbjahr 2015 wählten 361 Betroffene den Frauennotruf, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 15 Prozent.

Bocian und drei weitere Mitarbeiterinnen haben ein offenes Ohr für die Ängste und Sorgen der Anruferinnen. Jeden Montag bis Freitag von neun bis 14 Uhr. Dabei ist kein Tag wie der andere. Wann und wie oft sie gebraucht werden, lässt sich nie vorhersagen. Bocian: „Manchmal steht der Hörer nicht still und manchmal will man fast kontrollieren, ob der Anschluss noch funktioniert.“

Immer häufiger melden sich Opfer digitaler Gewalt

Vor allem Opfer von Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt nehmen das Notruf-Angebot spürbar öfter in Anspruch. „Das ist sprunghaft angestiegen“, sagt Bocian. Auffällig: Das Thema digitale Gewalt gerät immer mehr in den Vordergrund. Hier verzeichnen die Beraterinnen einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um sage und schreibe 42 Prozent. Die Palette ist breit: Mit Stalking, Beleidigungen oder Erpressung werden die betroffenen Frauen unter Druck gesetzt. „Viele bewegen sich vor allem in sozialen Netzwerken etwas zu sorglos. Da können wir aber gezielt beraten und Anleitungen geben. Viele wissen gar nicht, dass in ihrem Fall ein konkreter Straftatbestand erfüllt wird. Das decken wir dann auf und da führt auch kein Weg an rechtlichen Schritten vorbei. Da greifen wir den Opfern unter die Arme“, sagt Bocian. Das kann am Telefon sein, meist lassen sich komplexere Probleme aber in einer persönlichen Beratung besser besprechen. „Viele Frauen nehmen dieses Angebot auch gerne an.“

Geistig behinderte Frauen melden sich vermehrt

Außerdem verzeichnen die Helfer einen neuen Trend: In letzter Zeit meldeten sich verstärkt geistig behinderte Frauen, die von sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt bedroht oder betroffen sind. „Schon im ersten Halbjahr meldeten sich acht Frauen, neun waren es 2014 insgesamt“, sagt Bocian. Nach Angaben der Beratungsstelle geht man davon aus, dass sich Frauen, die kein funktionierendes, aufmerksames soziales Umfeld haben, in den seltensten Fällen an eine helfende Institution wenden können. Umso wichtiger ist es, dass das Beratungsangebot auch in leichter Sprache weiter bekannt gemacht wird.

Personelle und finanzielle Grenzen erreicht

Nahezu zeitgleich ist der Bedarf an Dolmetscherinnen für eine Beratung gestiegen. Bereits im ersten Halbjahr mussten in 15 Fällen Sprachmittlerinnen zum Einsatz kommen. Zum Vergleich im gesamten vergangenen Jahr waren es nur 17 Fälle. „Unsere finanzielle Planung für diese Hilfe ist im Grunde schon erschöpft“, sagt Bocian.

Doch nicht nur finanziell, auch personell bringt die zunehmende Belastung die Helferinnen immer öfter an Grenzen. „Wir sind am Rand der Belastung und müssen mit unseren Mitteln extrem haushalten“, sagt Bocian. Sowohl bei der Stadt als auch beim Land Hessen hat die Beratungsstelle selbst einen Notruf abgeschickt und um zusätzliche finanzielle Unterstützung gebeten. Bocian: „Ob wir mit unseren Anträgen aber Erfolg haben, wissen wir nicht.“

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