Über 50, Trennung, kleine Rente:

Immer mehr Frauen sind obdachlos

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Eine Obdachlose bettelt in der Kälte.

Frankfurt – Die Obachlosenzahlen steigen. Immer häufiger betroffen sind Frauen. Diese wählen oft ein Leben auf der Straße, weil ihre Beziehung gescheitert ist. Und damit ihre Existenz. Von Christian Reinartz

Jutta Möller hat die blau-graue Wollmütze tief in die Stirn gezogen, obwohl es im Franziskustreff im Kapuziner-Kloster Liebfrauen mollig warm ist. Sie wirkt verloren zwischen den obdachlosen Männern, die dort jeden Morgen frühstücken. Allein in Frankfurt sind geschätzte 2350 Menschen ohne eine Bleibe unterwegs. Genau sagen kann das niemand.

Denn Möller würde nie von sich behaupten, obdachlos zu sein. Stattdessen spricht sie von einer „schwierigen Wohnsituation“. Fakt ist: Die 59-Jährige hat seit sechs Jahren keine Wohnung. Schläft mal hier, mal da. „Meistens bei netten Menschen, die mich für ein paar Nächte aufnehmen“, sagt Möller. Sie nippt an ihrem dampfenden Kaffee. Vor ihr liegt eine Käsebrot und ein Mandelhörnchen. Als eine Mitarbeiterin mit dem Brotkorb vorbeikommt, greift Möller blitzschnell zu, schnappt sich ein Stück Kuchen. Dann blinzeln ihre kleinen Augen wieder müde hinter ihren dicken Brillengläsern. Ob sie draußen geschlafen hat? Das will sie nicht sagen. Stattdessen beißt sie in ihr Käsebrot, kaut genüsslich. Sie gehe zum Franziskustreff, weil sie eine Beschäftigung am Morgen brauche, sagt sie: „Schließlich bin ich viele Jahre arbeiten gegangen.“ Doch das ist lange her. Eine schwere Krankheit habe sie aus der Bahn geworfen. Sie spricht von Depressionen und einer Zeit, in der ihr alles egal war. „Und dann war die Wohnung plötzlich weg und ich auf der Straße“, sagt Möller.

Vor der Obdachlosigkeit kommt oft eine Trennung

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Beim Franziskustreff hat man längst bemerkt, dass sich Fälle wie Jutta Möller, häufen. Sozialberaterin Birgitta Spiller: „Wir registrieren, dass die Zahl der obdachlosen Frauen steigt.“ Auch Bettina Bonnet, Straßen-Sozialarbeiterin im Obdachlosen-Zentrum Weser 5 im Bahnhofsviertel, bestätigt diese Beobachtung.„Das ist oft eine ganz bestimmte Generation von Frauen“, erklärt Bonnet. „Über 50, keine Ausbildung und nur eine kleine Rente.“ Häufig gehe der Obdachlosigkeit eine Trennung voraus. Die Frauen ständen dann vor dem Nichts. „Und wählen eben den Weg in die Obdachlosigkeit“, sagt Bonnet. „Aber oft sind die Frauen auch psychisch krank, leiden unter Verfolgungswahn.“

Was bei Jutta Möller der Grund war, will sie nicht sagen. „Vielleicht von allem ein bisschen“, gibt sie sich verschlossen. Seitdem ist sie schon oft gezwungen gewesen, die Nacht im Freien zu verbringen. „Aber das kann als Frau gefährlich werden“, warnt Möller. „Ich bin schon ein paar Mal von Männern angemacht worden. Auch Jüngere sind dabei gewesen. Die wollten sich das Geld für den Puff sparen“, sagt sie und entschuldigt sich peinlich berührt. „So was hätte ich früher nie gesagt. Aber das bringt das Leben auf der Straße mit sich. Auch als Frau wird man da rau.“ Anderen obdachlosen Frauen ergeht es schlimmer. Sie werden Opfer von tätlichen Übergriffen, werden ausgeraubt, vergewaltigt oder beides.

Jutta Möller schluckt den letzten Bissen ihres Mandelhörnchens, zieht die Wollmütze noch tiefer ins Gesicht und tritt wieder hinaus in die Kälte. Ihr bleibt nichts anders übrig.

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