Was Frank Scheurich nach 23 Jahren im US-Kerker bleibt: Malen und Briefe in den Riederwald

+
Mit der Handykamera illegal aufgenommen: Frank Scheurich beim Malen im US-Knast.

Rhein-Main/Frankfurt – Die Härchen an seinem Arm stellen sich auf. Dann verschluckt er beim Reden das eine oder andere Wort. So ist es immer, wenn Reinhard Scheurich aus dem Riederwald einen Brief seines Bruders Frank aus dem Correctional Training Facility Soledad erhält. Den, den er gerade in seinen Händen hält, ist der 63. des Jahres 2008.

Für ihn ist er der Schlimmste. Er hat ihm zuvor geschrieben, dass er Stress mit seiner Partnerin hat. Nun hat ihm Frank geantwortet: „Reinhard, ich kann mich nicht mehr in Dich reinversetzen. Ich habe keine Gefühle mehr.“ Nach 23 Jahren US-Haft ist Frank wohl endlich gebrochen. Und das Martyrium geht weiter.

Angefangen hat alles im kalifornischen San José, Mitte der 80er Jahre. Die Scheurich-Brüder verstehen sich als Weltenbummler. Und so verschlägt es sie nach Kalifornien. Reinhard schraubt an Autos, sein Bruder werkelt und baut an Häusern. Es gibt viele deutsche Auswanderer in der Umgebung. Man trifft sich im „Deutschen Haus“.

Mit dabei sind Ursula und Günther, ein älteres Ehepaar. Der 55-jährige Scheurich: „Die waren versoffen und haben ewig gezankt.“ Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Frank arbeitet auch an deren Haus.

Reinhard Scheurich hält in seiner Wohnung im Stadtteil Riederwald ein Bild seines Bruders in den Händen.

Als Reinhard im Frühjahr 1987 den Rasen vor seinem Haus mäht, fahren mehrere Polizeiwagen vor. Türen gehen auf, Polizisten ziehen ihre Waffen, einige nehmen die Autotüren als Deckung. Zwei Cops rennen auf ihn zu, reißen ihn am Arm, drücken ihn zu Boden. Einer schreit: „Ihr Bruder ist ein Mörder.

Das Haus wird auf den Kopf gestellt. Gesucht wird eine Waffe – gefunden wird nichts. Später erfährt Reinhard Scheurich, dass es angeblich ein Mordkomplott gegeben haben soll. Ursula soll einen Killer angeheuert haben, der ihren Mann tötet. Und der Killer soll Frank Scheurich sein.

Der angebliche Plan fliegt auf. Es fällt kein Schuss, niemand kommt zu Schaden. Trotzdem bekommt Ursula 20 Jahre. Frank Scheurich erhält insgesamt 27 Jahre. Die mutmaßliche Mord-Auftraggeberin stirbt nach ein paar Jahren im Knast an Brustkrebs, ihr Mann später an Leberzirrhose. Frank sitzt immer noch.

Die Familie kratzt 50.000 Mark für einen Anwalt zusammen. Kein Erfolg. Es folgen Schreiben an die Botschaft, US-Behörden, zuletzt an Gouverneur Arnold Schwarzenegger – oft noch nicht mal eine Antwort. Reinhard Scheurich versteht das Urteil nicht. „Es hat gar kein Opfer gegeben. Mein Bruder ist eine Seele von Mensch, der würde niemanden umbringen. Sie haben nie eine Waffe gefunden.

Vor rund vier Wochen keimt Hoffnung. Eine Anhörung soll klären, ob Frank Scheurich entlassen werden kann. Abgeschmettert! Die US-Behörden bleiben stur. Die Scheurich-Anwältin schreibt der Familie, dass er nun mindestens weitere drei Jahre in Haft bleibt. Danach hat er nur noch ein Jahr seiner regulären Haftstrafe.

Jeden Tag erlebt Frank Scheurich die Hölle. Sieben Mal hat der Gefangene mit der Nummer D-63411 bisher den Knast gewechselt, derzeit ist er fünf Meilen nördlich vom kalifornischen Soledad eingelocht. Dort gibt‘s 21 Gangs. Sie heißen „Black Guerilla Familiy“ oder „Texas Syndicate“. In dem zu 110 Prozent überbelegten Gefängnis sind Messerattacken und Vergewaltigungen an der Tagesordnung.

Frank hat im Knast angefangen zu zeichnen. Erst hat er Indianer und Pferde gezeichnet, neuerdings malt er Männer mit abgehackten Köpfen oder ausdruckslosen Gesichtern mit herausfallenden Zähnen. Sein Bruder im Riederwald organisiert Ausstellungen (mehr Infos unter www.franks-prison-art.de), kratzt dafür sein letztes Geld zusammen, um die Bilder rahmen zu lassen. Durch ein illegal in den Knast eingeschleustes Foto-Handy hat Reinhard zum ersten Mal nach zehn Jahren Fotos von seinem Bruder gesehen. Reinhard Scheurich: „Das ist nicht mehr mein Bruder. Diese Leere im Gesicht. Grauenhaft!“ Oft schaut er sich die Bilder auf seinem Computer an. Es ist das gleiche wie mit den Briefen: Die Härchen an seinem Arm stellen sich auf.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare